Stuttgart: Recht der Nebenrolle
Diese Kritik muss mit einer Warnung beginnen: Zuschauer mit Atemwegsempfindlichkeit oder Kreislaufinsuffizienzen sollten diese Aufführung meiden. Denn auch wenn auf der Bühne nur Kräuteretten und Theaternebel in ständig steigender Temperatur verdampfen – von Luft kann am Ende der mehr als fünf Inszenierungsstunden keine Rede mehr sein. Und das ist nicht das einzige, was fehlt. Aber dazu später mehr.
Schon in seiner ersten Stuttgarter Regiearbeit, «Die Reise» (2013), hat Martin Laberenz seine Schauspieler Rauchschwaden am Fließband produzieren lassen.
Daran knüpft er an bei seiner Version von Dostojewskis «Der Idiot», die er jetzt im Kammertheater des Stuttgarter Schauspiels zur Verspielung gebracht hat. Und verspielt sind die zehn Akteure, die Laberenz stellvertretend für das umfangreiche Personal des Romans auf die Bretter schickt. Ihre Mission: Slapstick, Klamauk, überdrehte Improvisation, Gymnastik, Kletterkunst – unbewegt bleibt hier keiner. Die Frauen sind alle irgendwie hysterisch und die Männer letztlich auch – was durchaus zur Romanvorlage passt, die sich mit einer russischen Stadtgesellschaft zwischen Dekadenz, Gefühlsverwirrung, Kapitalismus und Standesdünkel ...
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Theater heute April 2015
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Kristin Becker
Oh ja, es gibt Déjà-vu-Momente an diesem Abend. Er fängt gleich mit einem solchen an, wenn sich Jan-Peter Kampwirth als tollpatschiger Spross der absteigenden Entertainer-Dynastie von Archie Rice beim Mikrofoncheck vor dem Samtvorhang hoffnungslos in ein Kabel verheddert, umständlich die Höhe verstellt, natürlich ohrenbetäubend das Mikro fallen lässt und doch...
Manchmal fängt das Leben mit dem Höhepunkt an, man weiß es nur nicht. Wie drei Einschläge, trocken, hart und zielgenau, treffen die Stücke «Jagdszenen aus Niederbayern», «Landshuter Erzählungen» und «Münchner Freiheit», die ein junger Schauspieler aus Marklkofen, Landkreis Dinfolfing-Landau, zwischen 1966 und 1970 aus sich herausschleudert, in die aufbruchsbereite...
Einen zugeneigteren Richter als Andreas Müller hätte sich das Münchner Residenztheater gar nicht wünschen können. Juristisch hatte man in der Sache «Baal» nicht den Hauch einer Chance. Frank Castorfs Inszenierung verwendet in ihrer Fassung umfangreiche Fremdzitate – darunter Texte von Rimbaud, Carl Schmitt, Ernst Jünger, Frantz Fanon sowie längere Passagen aus...
