Ein kapitalistisches Weihnachtsmärchen
Es war einmal ein Kind, das wollte endlich mal auch zu Wort kommen, d.h. es war eigentlich kein Kind, aber in Zeiten vor der großen Krise wurde so jemand Kind genannt. Man sagte ihm, es solle erst einmal wirklich zuhören lernen. «Kann ich doch!» entgegnete es seinen Eltern, die eigentlich nicht seine Eltern waren, sondern was anderes, aber die glaubten ihm ohnehin nicht. Also zog es in die Welt, d.h. «die Welt» war mehr so eine Einzimmer–wohnung, wie es sie heute gar nicht mehr gibt, weil Einzimmerwohnungen zu Recht hier niemand mehr will, wir leben heute ja alle zusammen.
In dieser Einzimmerwohnung saß nun unser Kind und hatte an allen drei Wänden Nachbarn, denen es eine Weile zuhörte, bis es auf die vierte Wand aufmerksam wurde, die nach draußen ging, auf den Hof. Da gab es auch viel zu hören. Meist kloppten sich zwei Typen oder es kam zu Streitgesprächen über die Entwicklung irgendwelcher Aktien. «Das ist die Börse!» sagten die Nachbarn zur Linken, «Quatsch, nur die Derivatemärkte!» riefen die zur Rechten, und die, die hinter dem Kind wohnten, meinten gar nichts, machten nur Krach mit ihren Flachbildschirmen, X-Boxen, computergesteuerten Haushaltsgeräten, Schlagbohrern, nein, ...
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Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Kathrin Röggla
Die Familie als Nährboden von Zwang, Gewalt, Missbrauch. An diesem Abend präsentiert sich die soziale Institution gleich zweimal von ihrer schlimmsten Seite. Da ist zunächst die Bauernfamilie Staller, die nebst Knecht das quadratische Podest einnimmt, das Bühnenbildner Oliver Helf auf der großen Bühne der Nord-Spielstätte des Stuttgarter Schauspielhauses aufgebaut...
Die Geschichte beginnt an einer tristen Currywurstbude, die Bühnenbildnerin Maria-Alice Bahra mit schönem Realismus auf die Bühne des Großen Hauses in Hannover gebaut hat. Davor lungern die üblichen Verdächtigen, unsichtbare Gestalten, die Balladensänger der Straße, deren Antlitz man sofort vergisst, wenn man ihnen doch einmal zufällig in die Augen blickt.
Alles...
Wenn dem berühmten Schriftsteller Salman nichts mehr einfällt und sich auch aus dem Ruhm seines Skandalbuches kein Kapital mehr schlagen lässt, die Familie aber dringend Geld braucht, was dann? Dann wird Salmans Kopf versteigert, denn immerhin hat dafür schon mal jemand eine Million geboten. Eine schön schräge Grundidee, auf der die Brüder Presnjakow sich zum Glück...
