Wie man einen Witz erzählt

Stuttgart Schauspiel NORD: Brüder Presnjakow «Salmans Kopf»

Theater heute - Logo

Wenn dem berühmten Schriftsteller Salman nichts mehr einfällt und sich auch aus dem Ruhm seines Skandalbuches kein Kapital mehr schlagen lässt, die Familie aber dringend Geld braucht, was dann? Dann wird Salmans Kopf versteigert, denn immerhin hat dafür schon mal jemand eine Million geboten. Eine schön schräge Grundidee, auf der die Brüder Presnjakow sich zum Glück nicht einfach ausgeruht, sondern ein konsequent absurdes Stück aufgebaut haben.

So wird gleich zu Beginn ein groteskes Durch­einander aufgeboten: prollige Polizisten, Liza Minelli und eine vorweihnachtliche Geburt auf einem wegen Terrorgefahr kontrollierten und wegen Vulkanausbruch lahmgelegten Flughafen. So emphatisch all das in Catja Baumanns Uraufführung vom energieberstenden Ensemble vorgespielt wird, so schnell wird es abgewunken: «Stop! Das reicht! Grauenhaft!», ruft nach fünf Minuten ein Herr aus den hinteren Reihen – und das ganze Bohei erweist sich als vergeblicher Versuch von Salmans Familie, den mürrischen Meister durch möglichst extreme Plot-Ideen zu inspirieren.

Die angemessen aufgedrehte Inszenierung zeigt darauf eine gute Stunde lang, dass (und wie) Boulevard auch heute noch vital sein kann: In der Kulisse ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Doppeltes Leid

Die Familie als Nährboden von Zwang, Gewalt, Missbrauch. An diesem Abend präsentiert sich die soziale Institution gleich zweimal von ihrer schlimmsten Seite. Da ist zunächst die Bauernfamilie Staller, die nebst Knecht das quadratische Podest einnimmt, das Bühnenbildner Oliver Helf auf der großen Bühne der Nord-Spielstätte des Stuttgarter Schauspielhauses aufgebaut...

Alter Slawe!

Nein, «der Frank» habe damit nichts zu tun, meint Hendrik Arnst alias Jaroslaw Iljitsch alias typischer russischer Kleinbürger voll bauernschlauer Schlitzohrigkeit ganz zum Schluss. Der Frank sei ein alter Mann und sowieso seit drei Jahren in Bayreuth, wo die Opern-Welt im Sommer Castorfs «Ring» erwartet.

Ganz so unbeteiligt wird Frank Castorf an seiner jüngsten...

Jenseits von Gut und Böse

In «Jenseits von Gut und Böse», dem «Vorspiel einer Philosophie der Zukunft», zog sich Friedrich Nietzsche auf das «Perspektivische, die Grundbedingung allen Lebens» zurück. Von dort aus betrachtet, gibt es keine moralischen Phänomene, sondern nur moralische Ausdeutungen von Phänomenen – und die sind historisch, dogmatisch, ein Herrschaftsinstrument über die...