Innehalten!
Liebe Freunde der zeitgenössischen Dramatik,
erlauben Sie mir, dass ich wie jeder hilflose Redner, der seine Zuhörer später mit ein paar ernsten Thesen langweilen muss, mit einem Witz beginne. Eine Mutter fragt ihren kleinen Sohn, was er sich zum Geburtstag wünscht. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Ich hätte gerne ein o.b.!» Die Mutter sieht den Jungen entgeistert an: «Weißt du denn überhaupt, was das ist?» Der Sohn etwas verlegen: «Nicht genau.» «Aber warum willst du dann einen zum Geburstag haben?» fragt die Mutter.
«Weil ich gelesen habe», antwortet der Junge, «dass man damit reiten, schwimmen und radfahren kann.»
Sie dürfen nun mit einigem Recht fragen, was dieser Witz mit der Situation in der deutschen Gegenwartsdramatik zu tun hat. Für mich beschreibt er pointiert das Missverständnis zwischen schönen Träumen und falschen Suggestionen auf einem Markt, dessen Angebot durch Täuschung Enttäuschungen produziert. Und diese Situation erscheint mir doch in großen Teilen deckungsgleich mit dem, was wir seit einigen Jahren in ständig beschleunigter Form auf dem Autorenmarkt für Theaterstücke erleben. Die Träume junger Schreiber von galoppierendem Erfolg treffen hier auf ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Stücke des Jahres, Seite 98
von Till Briegleb
Früher, in Hamburg, träumte ich von einem Theater auf der Spitze des Kamerunkais. Es war die architektonische Umsetzung einer Sequenz von Fragmenten aus Hölderlins «Titanen»-Entwurf (z.B. «Und in den Ocean schiffend / Die duftenden Inseln fragen / Wohin sie sind») und vereinte die räumlichen Möglichkeiten für ein Gastmahl (Пир королей) im Untergrund des...
Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das umgekehrt? Oder ist das nur ein Traum von marktradikalen Neoliberalen? Das Theater meiner Träume sieht dem abgerissenen Palast der Republik verdammt ähnlich, allerdings ist er nun zweigeteilt: Der eine Flügel ist überflutet, aus dem Wasser ragt eine Bergspitze, Besucher rudern in Booten...
In letzter Zeit wird wieder verstärkt übers Theater gestritten, vor allem über seine Zukunft. Wie soll sie aussehen? Die Stadttheater bewahren? Eine zweite Säule aus Projektförderung daneben stellen? Mehr Produktionshäuser gründen? Und wie geht es überhaupt mit dem Ensemble- und Repertoirebetrieb weiter? Übernimmt der Apparat die Kunst? Das sind alles berechtigte...
