Evolutionäre Zellen
Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das umgekehrt? Oder ist das nur ein Traum von marktradikalen Neoliberalen? Das Theater meiner Träume sieht dem abgerissenen Palast der Republik verdammt ähnlich, allerdings ist er nun zweigeteilt: Der eine Flügel ist überflutet, aus dem Wasser ragt eine Bergspitze, Besucher rudern in Booten herum, in allen Ritzen finden Performances statt. Im anderen Teil befindet sich die größte, modernste Bühne des ganzen Landes. Durch Geheimgänge sind beide Hälften miteinander verbunden.
Es ist gang und gäbe, dass ein Spieler von der Bühne abtritt, nur um wenig später auf der andren Seite wieder aufzutauchen (und umgekehrt). In den Niederlanden gibt es dafür ein gutes Wort: doorstromen (durchströmen).
Anstelle unseres dualen Theatersystems (Stadttheater vs. Freie Szene) gibt es dort ein Kontinuum vom kleinen Productiehuis zur prächtigen Stadsschouwburg. Diese Diversifikation begann 1969 mit einer revolutionären Kulturreform: Schauspielschüler warfen im Theater mit Tomaten (Actie Tomaat) und haben so eine Neuausrichtung der staatlichen Vergabepolitik bewirkt. Gefördert wurden seitdem nicht nur Institutionen, sondern auch ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 120
von Alexander Karschnia
Ich möchte ein Theater aus Glas haben.
Mitten in der Stadt.
Das Theater besteht aus zwei Gebäuden.
Beide haben eine Ur-Form.
Das eine hat den Grundriss eines Kreises, das andere ist ein Quadrat.
Die Wände sind aus Glas.
Wenn man auf der Straße vorbeiläuft, kann man reinschauen und
sehen, wie geprobt wird.
An manchen Probentagen ist die Fassade geöffnet, und die...
Vier Freundinnen, Mitte 20. Im grellen Saallicht trotten sie auf die Bühne. Blicken drein wie frisch verliebt in die Sinnkrise. Wadenlange Blümchenröcke. Blickdichte Strümpfe. Schlabber-Sweater, brutale Hornbrillen, Notfrisuren. Je ein Finger steckt in gut geleerten Wodkaflaschen. Je ein Erkenntnisrausch vernebelt das Gemüt: «Es sagt mir nichts, das sogenannte...
Der Zustand der Theater ist Ausdruck der Gesellschaft, von der sie unterhalten werden. Ästhetisch. Strukturell. Organisatorisch. Wie sollte es auch anders ein. Das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach so, wie es ist. Das Personal, die ästhetischen wie politischen Programme bilden ab, wie es um die Macht- und Verteilungsverhältnisse in Deutschland, in...
