Maya Plisetskaya

Verehrt, umschwärmt, 84 Jahre alt – die Sowjet-Ballerina ist eine wegweisende Ballettpädagogin. Sie sagt, sie schert sich nicht um Kleinigkeiten. Wie man stattdessen das Große schafft, nämlich Größe zu erlangen, erzählt sie Dorion Weickmann.

Tanz - Logo

Die Einlasskontrolleure staunen nicht schlecht. So viel Andrang haben sie in der Berliner Akademie der Künste schon lange nicht mehr erlebt. «Und das alles für eine Tänzerin?», fragt der Ticket-Abreißer kopfschüttelnd und wird umgehend ortstypisch rau gedeckelt: «Dat is ja nu nich irgendeine, die hier jeehrt wird, dat is die Grööößte aller Zeiten!»

Filigran, im schwarzen Hosenanzug mit Goldpailletten am Revers, gleitet die «Grööößte aller Zeiten» die Stufen des Auditoriums hinab.

Wie von selbst bildet sich eine Gasse, fliegen aller Augen auf die charismatische Erscheinung in ihrer Mitte: «Vierundachtzig Jahre, sagst du? Das muss ein Irrtum sein!»

In der Tat. Wer Maya Plisetskaya allein gegenübersitzt, bemerkt zwar die feinen Fältchen, die ihre schwarz gerandeten Augen wie Seidenfäden umspielen und vernimmt zwischen russischen Wortkaskaden ein kehlig sonores Lachen. Aber eigentlich sieht er ein junges Ding, dessen Arme sich in Bewegungsranken verwandeln, wann immer es eine Lieblingsrolle oder ein äußerst brenzliges Ereignis auszuschmücken gilt. Die flüchtig skizzierten Ports de bras speichern bis heute, was Plisetskayas Bühnenwirkung ausgezeichnet hat: Für Augenblicke zieht noch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2009
Rubrik: Praxis, Seite 58
von Dorion Weickmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ludica: «The Corner»

Wir wären gern drin, mittendrin. Denn drinnen geht’s ab: Die Menschen grölen, jubeln, lachen. Eine E-Gitarre jault. Ein Mann (er muss ein Star sein!) redet mit dem Publikum, das auf jedes seiner Worte enthusiastisch reagiert. Man meint die schweiß- und bühnennebel-getränkte Luft zu atmen, sieht sich selbst im bläulichen Licht des Konzertraums in der unruhigen Menge...

Brief aus Johannesburg

In den wohlhabenden Vororten von Johannesburg fährt man gern den silbergrauen Hyundai SUV. Auf der anderen Seite der Stadt, in den Townships, bevorzugt man weiße Minibusse. Der Choreograf Sello Pesa fährt einen schwarzen VW-Käfer. Ein ungewöhnliches Auto für eine südafrikanische Großstadt. Doch der kleine Käfer führt auch ein ungewöhnliches Leben. Abends parkt er...

Royston Maldooms Philharmoniker-Tanzprojekt

Ungewohnte Töne in einer Schulturnhalle. «Focus! Now! One, two, three, four ...» Bei «acht» schwingen synchron (oder doch fast) fünfzig Kinderköpfe herum. Die Order ist angekommen, die Gesichter sind ernst und konzentriert. Die allermeisten, fast die ganze Zeit. Selten sieht man eine so heterogene Gruppe Youngsters, die so lange mit Feuereifer an drei Minuten...