marcos morau
Es gab beim letztjährigen Berliner «Tanz im August» mit Marcos Moraus La Veronal ein Ensemble, das später als Shooting-Truppe der Saison herumgereicht wurde. Mit Recht. Was Morau in «Siena» mit wunderschönen Tänzerinnen in einem Museumsambiente – Tizians «Venus von Urbino» an der Wand – entfesselte, war so fein anzusehen wie spannend rätselhaft. Zu barocken Klängen und schrillem Telefonklingeln ver- und entwirrte sich ein Reigen optischer und semantischer Codes, der delikat erdacht und mit wundervoller Eleganz ausgeführt war.
Acht herrliche Damen lieferten sich als Fechterinnen poetische Duelle. Hinter der nackten Leinwandschönen mit der Hand auf der Scham lag plötzlich eine Leiche, später tänzelte ein Mann, der vorher noch als Aufseher herumlief, im Lurexkomplettanzug aus der Szene. Nichts ist, wie es scheint. Welcher Inhalt auf optischer oder akustischer Wellenlänge gerade geboten wird, bleibt hinreißend unklar. Wer starrt hier auf wen? Da werden berühmte Bildkompositionen sekundenkurz nachgestellt, gleichzeitig brabbeln ein Mann und eine Frau aus dem Off Banalitäten. Renaissance trifft 21. Jahrhundert, in sich ruhende ewige Schönheit die ewig aufgeregte Jetztzeit-Hippeligkeit.
Ma ...
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Tanz Jahrbuch 2015
Rubrik: die hoffnungsträger, Seite 170
von Manuel Brug
Tanz und Musik können die ganz großen Gefühle aus uns herauskitzeln: Wenn Zuschauer sich bei Béjarts «Boléro» vor Leidenschaft verzehren oder leise schluchzen, kaum dass «Giselle» das letzte Mal für ihren Geliebten tanzt, hat der Verstand Sendepause. Emotionen sind eine ziemlich komplizierte Sache. Viele Systeme in Gehirn, Körper, im Bewussten und Unbewussten...
Ein denkwürdiger Moment: Als sich 2001 im Londoner Royal Opera House der Vorhang nach dem ersten Akt senkt – es ist Alina Cojocarus Debüt als Giselle an der Seite ihres Partners Johan Kobborg –, blicke ich mich im Saal um und sehe etwas, das ich schon viele Jahre nicht mehr erlebt habe: Zuschauer, die sich die tränennassen Gesichter trocknen.
Alinas Wahnsinns-Szene,...
«Wow, diese Szene war echt stark, richtig ekelhaft!» – «Ja, schrecklich – mir ist schon vom Zusehen schlecht geworden.» Ein Gespräch, aufgeschnappt im Haus der Berliner Festspiele beim Festival «Foreign Affairs 2015», am Rand der 24-Stunden-Performance «Mount Olympus» von Jan Fabre/Troubleyn. Die Gesprächspartnerinnen scheinen ihren Ekel und ihren Schrecken...
