lust auf tragödie
«Wow, diese Szene war echt stark, richtig ekelhaft!» – «Ja, schrecklich – mir ist schon vom Zusehen schlecht geworden.» Ein Gespräch, aufgeschnappt im Haus der Berliner Festspiele beim Festival «Foreign Affairs 2015», am Rand der 24-Stunden-Performance «Mount Olympus» von Jan Fabre/Troubleyn. Die Gesprächspartnerinnen scheinen ihren Ekel und ihren Schrecken durchaus genussvoll zu kultivieren.
Zur Belohnung fürs – vermeintlich – große Gefühl gönnt man sich erst mal einen Weißwein an der Bar, bevor es gestärkt wieder zurückgeht ins Parkett, auf der Suche nach dem nächsten intensiven Moment, der großen Geste, dem überwältigenden Bild, der beklemmenden Stille.
Anlass der Foyer-Unterhaltung war eine orgiastisch-gewalttätige Szene, in der eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern mit rohen Fleischstücken gespielt und getanzt, die Brocken in den Mund genommen und über die Bühne getragen hatte, wie es Hunde oder Raubkatzen tun. Man wälzte sich in den Fleischstücken, schleuderte sie herum, bis überall Rohes und Blut klebte, an den ehemals weißen Hosen, Bustiers und Röcken der Akteure, an ihren Händen und ihrer Haut ebenso wie am Boden. «To glorify the cult of tragedy» – unter dieses Motto ...
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Tanz Jahrbuch 2015
Rubrik: Gefühle, Affekte, Emotionen, Seite 49
von Doris Kolesch
«Libertad, Libertad schrie meine Mutter.» Und wenn die Polizei des Militärregimes im Chile der 1980er-Jahre anrückte, wurde sie aufgeklärt, dass es sich um den Hund der Familie handelte, der eben Freiheit hieß. Amanda Piñas früheste Tanz-Erinnerung bezieht sich nicht auf einen Besuch in einer Tanzschule. Ganz im Gegenteil: Bei den Demos gegen den Machthaber Augusto...
hat die Welt des Stepp-Tanzes im Nu erobert. Sie bezaubert das Publikum mit ihrem einzigartigen Tanzstil: Erst lugt sie umher, fast wie ein Detektiv auf der Suche nach irgendwelchen Hinweisen, dann klappert und klatscht sie mit schelmischer Freude. Letzthin ist Dorrance auch als Choreografin so unterhaltsamer wie experimenteller Formate in Erscheinung getreten,...
Am Ende von «Grind» (2011) ließ uns der niederländische Choreograf Jefta van Dinther mit dem Gefühl zurück, um etwas betrogen worden zu sein. Vielleicht lag es daran, dass sein Licht- und Schattenspiel auf der lichtlosen schwarzen Bühne nur eine Versuchsanordnung sein wollte, um vermutetem Transzendentalen ausgerechnet durch Tanz eine materielle Gestalt zu...
