In Beugehaft
Kaum Licht, der Boden schwarz, von feucht schimmerndem Torf bedeckt. Auf einem leuchtend roten Tuch eine Frau. Dann das Ensemble, das sich umgehend in zwei Gruppen spaltet: Frauen in kurzen durchsichtigen Kleidern, die sie immer wieder ruckartig hochschlagen und sich dabei entblößen, Männer in langen schwarzen Hosen. Der Raum vibriert vor Spannung, die in Strawinskys dissonanter, irregulärer Musik widerhallt und verstärkt wird.
Wie von Naturgewalt gepackt, beginnen die Körper sich im Rumpf zu biegen und zu werfen, die Arme in riesigen Schwüngen auszufahren und das Vokabular der Moderne bis zum Äußersten zu dehnen.
Immer wieder bricht eine aus der Frauengruppe aus und umkreist einen einzelnen Mann. Irgendwann liegt er auf dem roten Tuch, ehe es zusammengeknäuelt zwischen den Frauen hin und her wandert. Die Unruhe erhöht sich: Einzeln tritt jede von ihnen vor den Mann, der sich stocksteif bewegt. Ein gemeinsamer Reigen setzt sich in Gang und fällt wieder auseinander. Die Frauen setzen immer schärfere Akzente, ihre Schritte durchpflügen den Boden. Alle geraten außer sich, bespringen sich in wilden Pas de deux, als der Mann einer der Frauen das Tuch, das sich als Kleid entpuppt, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn er eins nicht gelernt hat, dann das: Problemen aus dem Weg zu gehen. Thomas Lehmen stellt sich ihnen mit masochistischer Lust. So erweist sich Lehmen lernt am Ende als ein erheiternder Exkurs in Sachen Selbsterfahrung und -findung. Zunächst entpuppt sich der Performer allerdings als Kind im Mann, immer die Rassel griffbereit. Wie eine endlose Litanei...
Die Zeit ist ein sonderbar Ding, aber wenn man sie so plakativ bebildert wie im Münchner Nationaltheater, wirkt sie bloß banal. Sherelle Charge, auf dem Programmzettel als «berühmte Schauspielerin» ausgewiesen, treibt ihre Angst vor dem Alter auf die Spitze, und während sie sich sur la pointe nicht die geringste Unsicherheit gestattet, fällt Graeme Murphy nichts...
Der Querkopf ist ein Charakterkopf. In Westdeutschland wäre er ein Querulant. In Ostdeutschland bewundert man ihn. Heimlich. Offen sagt keiner, dass Jo Fabian und seine denkstirnigen Thesen zum «Spektralsurrealismus» tolles Renitententum darstellen. Auf dem Berliner Tanzkongress wird er bei Hannah Hurtzig am 20. April vis-à-vis eines einzelnen Zuhörers die Kunst...
