Heinz Spoerli
«Raymonda» ist ein tragischer Fall, in jeder Beziehung. Schon bei der Arbeit am Szenarium zog Marius Petipa im Machtkampf mit der Librettistin Lidija Paschkowa den Kürzeren. Kaum einer seiner Verbesserungsvorschläge fand bei den Theateroberen Gehör. Schlimmer noch, auch Alexander Glasunow setzte sich über seine Bitten hinweg und komponierte das gemeinsame Ballett nach eigenen Zeit- und Zielvorstellungen: zum Schaden des durchaus einfallsreichen Stücks, dessen Energielosigkeit am Ende dem greisen Choreografen angelastet wurde.
Dabei hatte gerade er das «Phlegmatische» der Partitur früh erkannt und mehr Abwechslung verlangt. Wie Juri Slonimski in seinen Untersuchungen dokumentiert, bedauerte Glasunow später, dem Formgefühl seines Arbeitgebers seinerzeit nicht vertraut zu haben. Zu spät, um «Raymonda» zum dauerhaften Bühnendasein zu verhelfen. An Versuchen, die schöne Rittersbraut zu reanimieren, fehlt es nicht. Allein am Opernhaus Zürich stand das abendfüllende Werk in den letzten 30 Jahren dreimal auf dem Spielplan: 1972 in einer traditionellen Inszenierung von Rudolf Nurejew, 1993 in einer modernen Neufassung von Bernd Roger Bienert und jetzt in einer eher vermittelnden Version ...
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