Gerald Siegmund über Forsythe
In seiner über 40-jährigen Karriere als Choreograf hat William Forsythe eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Ich kenne keinen anderen Choreografen, dessen Werk sich durch beständiges Bearbeiten und Befragen des Tanzes derart radikal gewandelt hätte wie das von Forsythe. Ruft man sich seine frühen spektakulären, auf der Neo-Klassik basierenden Ballette in Erinnerung, scheinen sie nichts mehr mit jenen bescheiden daherkommenden offenen Formen zu tun zu haben, die Bill heute choreografiert und zeigt.
Er hat radikal andere Formen des Zusammenseins und Zusammentanzes entwickelt, die zeitgenössischer sind als vieles, was mir in der freien Szene begegnet. Auf der einen Seite hat er das klassische Ballett einer konsequenten Analyse von innen unterzogen und ihm so ungeahnte Bewegungsmöglichkeiten eröffnet. In intensiver Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern hat er den Ballettkörper gleichsam aufgefaltet und ihm durch Verschiebungen der Bewegungszentren, der Bewegungsimpulse und der Koordination der Gliedmaßen eine neue Gestalt gegeben. Auf der anderen Seite hat der das Ballett von außen mit anderen Formen des Wissens zusammengebracht, um so die choreografische Syntax ...
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Tanz Dezember 2019
Rubrik: Menschen, Seite 26
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Für mich ist Billy Forsythe der ultimative Klassiker. Ein wahrer Erbe von Petipa und Balanchine. Sein Verständnis der reinen klassischen Linie, ihrer Wurzeln, Strukturen und ihres Vokabulars sowie dessen, was «klassisch» wirklich bedeutet – all das hat ihm die Freiheit gegeben, die Regeln zu brechen und diese Sprache weiterzutreiben als irgendwer anders. Ich bin...
