Gedoppelter Gruppenevent
Am Ende sieht er in jedem Jungen seinen Mann. Noch singt Hedwig Fassbender, für ihren erkrankten Kollegen François Le Roux eingesprungen, ihr «Ewig, ewig», als Tim verzweifelt aufblickt. Er traut seinen Augen nicht. Eben hat er sich von John «verabschiedet», steht der schon wieder leibhaftig vor ihm: als Barkeeper, der ungerührt seine Gläser putzt.
Wer immer das «Lied von der Erde» in der Modellversion Kenneth MacMillans in Erinnerung behalten hat, wird sich unwillkürlich fragen, ob das geht: Gustav Mahlers grandiose Gesangskomposition so auszudeuten – als Liebesgeschichte zweier Jungen bis zum Tod? Bertrand d’At, seines Zeichens Direktor des Ballet du Rhin im elsässischen Mulhouse, erbringt den Beweis: es funktioniert, sogar bestens. Inspiriert von der Novelle «Holding The Man», die Timothy Conigrave im Epilog als posthumen Brief an einen verstorbenen Freund diktiert, entwickelt er «Le Chant de la terre» in der Straßburger Oper als typische Aids-Tragödie unserer Tage. Stürmisch der Beginn, schier überschäumend vor lauter Bewegungslust das «Trinklied vom Jammer der Erde». Nicht weniger sportiv choreografiert der zweite Satz, den d’At nicht als «Einsamer im Herbst» interpretiert, ...
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Ist es vorbei? Soll ich, so der Tänzer und Choreograf Xavier Le Roy in der Einleitung der von ihm zusammengestellten Diskussionsrunde, mir hier mein eigenes Grab graben? War da was: eine einheitliche Bewegung, ein Stil, eine Richtung, die den zeitgenössischen Tanz und die Performance der letzten zehn Jahre ausgezeichnet hätte? «Inventory: Dance And Performance»...
Wer sagt, dass auf einem Tanzfestival getanzt werden muss? Man kann auch Karten spielen. Selbstmörder-Quartett. Yves Kleins berühmtem Sprung von einem Stuhl folgte ein weniger berühmter Sprung von Paul McCarthy aus dem zweiten Stock und dann ein unberühmter von Edgar Aho. Aus dem 14. Stock. Edgar Aho war kein Künstler, sondern ein Freund der libanesischen Performer...
Am Mut fehlt es Carlos Matos nicht. Im Gegensatz zum Feigling «Hamlet». Der portugiesische Choreograf, im dritten Erfolgsjahr am Stadttheater Hildesheim, wagte einen Tanzessay nach Shakespeares Drama und scheiterte auf halbem Weg, wie andere vor ihm. Er konzentriert sich auf zentrale Motive und Beziehungen, reduziert die vielschichtige politische Tragödie auf die...
