freiheit wagen!
So innovativ das Genre Tanz sich ästhetisch zeigt, so hartnäckig halten sich in seinem Kontext veraltete Strukturen, Hierarchien und Vorurteile. Das hat etwas mit Politik zu tun, aber nicht ausschließlich. Bevor ich die Organisationsform in den Blick nehme, die Ballett- und Tanztheaterkompanien – und beide sind gemeint, auch wenn im Folgenden von «Ballett» die Rede ist – allzu oft in Unselbstständigkeit hält, und beschreibe, wie sich das verändern ließe, möchte ich eine persönliche Beobachtung schildern. Sie betrifft das Institutionelle genauso wie das Image des Tanzes.
Wider Demut und Dankbarkeit
Kürzlich gab es ein großes Interview mit jungen Tänzerinnen und Tänzern in einer überregionalen Tageszeitung – eine halbe Seite lang! Mit Fotos! Da denke ich erst mal: Wow, kommt ja nicht alle Tage vor! Was ich dann lese, lässt mir teilweise den Atem stocken. Besonders der Schlusssatz hat es in sich: Sie habe in der Arbeit mit ihrem Lehrer vor allem Demut und Dankbarkeit gelernt, bekennt eine der Tänzerinnen. Prima, Lektion geglückt, genau das haben Tänzer und Tänzerinnen seit 150 Jahren nicht nur gelernt, sondern zutiefst verinnerlicht! Soll das so weitergehen? Ich möchte nicht, dass ...
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Tanz Mai 2015
Rubrik: ideen: tanz und politik, Seite 64
von Bettina Wagner-Bergelt
Sie ist die ungekrönte Königin der Grimassenkultur. Marlene Monteiro Freitas, aus ihrer kapverdischen Heimat nach Lissabon gelangt, stellt alle Begriffe von Ästhetik auf den Prüfstand. Sie hält es mit Performance, Clown und Karneval, mit Punk und Martialischem. Schon ihr irrwitziges Solo «Guintche» setzte ein Ausrufezeichen, wie man es in der Tanzlandschaft kaum...
Antoine Jully sah in jungen Jahren «1789 ... et nous» von Maurice Béjart, ein Werk mit Musik von Hugues Le Bars, der seine Kompositionen auch das ablauschte, was Béjart als «populace» feierte: den Pöbel. Le Bars kombinierte fröhlich Alltagsgeräusche wie Vogelstimmen, Kindergeschrei und Wassergluckern mit rhythmischen Patterns, was die Werbung, der Film und Béjart...
ist im Tanz eine zweischneidige Sache. Auf der Bühne wird sie beklatscht, doch kaum geht der Vorhang runter, sollen Tänzer reibungslos funktionieren. Nichts verlangen, nichts einfordern, sondern brav zum Training erscheinen und Dienstpläne einhalten. Eine, die mit dieser Routine ebenso frühzeitig wie rabiat gebrochen hat, sagt derzeit: «Adieu». Mit Sylvie Guillem...
