das grand jeté

Raus aus Mitte, weg von den Linden, in den Berliner Westen, an einen Ort für die Staatsballett-Tänzer, der sauber, modern, spurenfrei ist, mit Glasdach und aus einem Guss.

Tanz - Logo

Die Fensterrahmen in den Garderoben der Tänzerinnen sind lange nicht gestrichen worden, die Gardinen hängen schlapp, Gittertüll, war mal begehrt, war mal modern, irgendwann in den Sechzigern. Das Tutu auf dem Fensterbrett, fröhlich aufgeplustert, touchiert die müde alte Gardine in gewohnter Vertrautheit, Tüll zu Tüll, Berührung in Geborgenheit, «Schwanensee» forever, fünfundzwanzig Meter Tüll werden vernäht für ein einziges Tutu. Das halbe Fenster gibt den Blick auf den Dachgarten frei, auf dem sich eine propere Putte an einen barocken Zierpott schmiegt.

Die Schichten der Geschichte verschmelzen zu einer Patina aus Stuck, Blattgold und Plaste. Knobelsdorff-Architektur, Paulick-Rekonstruktion, DDR-Gebrauchs­ästhetik. Die Zeit fließt, sie schließt ihre Bünde im Licht eines frühen Morgens oder eines späten Nachmittags, wenn sie sich verbrüdert mit dem Vergehen. Komplizenschaft der Epochen. Wer hat das Tutu, den weißen Traum von Schweben und Hoffen, wer hat das Tutu da hingelegt? Beatrice Knop, Polina Semionova oder Elisa Carrillo Cabrera – wer war die zufällige Arrangeurin der poetischen Mitteilung?
 
Kerstin Zillmer, die Fotografin, ist die Entdeckerin dieses Stilllebens kurz vor dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Dezember 2010
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Jutta Voigt

Vergriffen
Weitere Beiträge
jardin d’europe: An die Kollektive

In Istanbul gewann die Produktion «E.I.O.» des rumänisch-bosnischen Künstlerkollektivs Maria Baroncea, Eduard Gabia und Dragana Bulut den mit 10.000 Euro dotierten «Prix Jardin d’Europe», weil sie «den Sinn von Produktion […] und den Wert von Kunst infrage stellt». Künstlerische Residenzen gingen an Fabián Barba für «A Mary Wigman Dance Evening» und an das...

nach gera: Silvana Schröder

Im Sommer 2001 hat der damalige Generalintendant René Serge Mund seine Ballettdirektorin vor die Tür gesetzt und damit nur seinen eigenen Rauswurf beschleunigt. Silvana Schröder, zuvor vier Jahre lang Solistin im Ballettensemble der Bühnen der Stadt Gera, verklagte ihren Chef und bekam vor dem Bühnenschiedsgericht Recht. Inzwischen hat am Theater Altenburg-Gera...

in 3-D: Eric Gauthiers «threesome» in stuttgart

«Im Prinzip braucht man nur zwei Kameras, die parallel in die Welt gucken», sagt Nikolai Vialkowitsch und schmunzelt, denn man hat ihn engagiert, weil es beim 3-D-Verfahren um mehr als nur ums Prinzip geht. Simpel gesagt, zeichnen zwei Kameras im Augenabstand für je ein Auge ein Bild auf.

Schon das ist ein grundsätzliches ­Problem. Die Objektive gängiger Kameras...