allegorie der vernichtung

Romeo Castellucci verwandelt «Le Sacre du printemps» in ein menschenloses Maschinenspektakel – und trifft exakt den Nerv

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Sie sind natürlich auch an diesem Abend nicht vergessen: die zahllosen jungen Frauen, die sich in mehr als 100 Jahren schon als «Sacre du printemps» zu Tode getanzt haben. Die rasten, taumelten, stürzten, nackt und schweißüberströmt, zarte Menschenkörper, geopfert fürs höhere Ideal. Sie sind die spukhaften Referenz-Leiber in den Köpfen der Zuschauer – gerade weil der italienische Performance-Star Romeo Castellucci seinen «Sacre» von allem Fleisch befreit hat. Kein Körper, nur mehr seine allerletzte, haltbarste Essenz tanzt bei Castellucci durch die Luft.

Als weiße Wolken, wilde Fontänen, sanftes Sanduhr-Geriesel: sechs Tonnen Knochenstaub aus den abgeschabten, durchgekochten, mit Hitze zersetzten Skeletten von 75 Rindern. Ein Industrieprodukt, nämlich Düngemittel für die Landwirtschaft, das also tatsächlich ganz «Sacre»-gemäß der Fruchtbarkeit dient und in der fantastischen Inszenierung aus einer gigantischen Deckenkonstruktion gen Boden geschossen wird. Ein Maschinen-Himmel, der seine Toten wieder ausspuckt.

Castelluccis «Sacre du printemps», das ist: die populärste Skandal-Ikone der Tanzgeschichte als Industrie-Kult. Aus einem frühzeitlichen Ritual wird ein futuristisches ...

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Tanz Dezember 2014
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Nicole Strecker

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