allegorie der vernichtung
Sie sind natürlich auch an diesem Abend nicht vergessen: die zahllosen jungen Frauen, die sich in mehr als 100 Jahren schon als «Sacre du printemps» zu Tode getanzt haben. Die rasten, taumelten, stürzten, nackt und schweißüberströmt, zarte Menschenkörper, geopfert fürs höhere Ideal. Sie sind die spukhaften Referenz-Leiber in den Köpfen der Zuschauer – gerade weil der italienische Performance-Star Romeo Castellucci seinen «Sacre» von allem Fleisch befreit hat. Kein Körper, nur mehr seine allerletzte, haltbarste Essenz tanzt bei Castellucci durch die Luft.
Als weiße Wolken, wilde Fontänen, sanftes Sanduhr-Geriesel: sechs Tonnen Knochenstaub aus den abgeschabten, durchgekochten, mit Hitze zersetzten Skeletten von 75 Rindern. Ein Industrieprodukt, nämlich Düngemittel für die Landwirtschaft, das also tatsächlich ganz «Sacre»-gemäß der Fruchtbarkeit dient und in der fantastischen Inszenierung aus einer gigantischen Deckenkonstruktion gen Boden geschossen wird. Ein Maschinen-Himmel, der seine Toten wieder ausspuckt.
Castelluccis «Sacre du printemps», das ist: die populärste Skandal-Ikone der Tanzgeschichte als Industrie-Kult. Aus einem frühzeitlichen Ritual wird ein futuristisches ...
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Tanz Dezember 2014
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Nicole Strecker
Was für ein Kampf: 30 Jahre lang die Exotin zu bleiben, im eigenen Land genauso wie dort, wo der Flamenco herkommt. Brigitta Luisa Merki geht ihren Weg leise, stetig und entschlossen, wahrscheinlich nicht konfrontativ genug für die heutige Zeit. Die Schweizer Flamenco-Choreografin begreift ihr Exotentum dennoch als Chance: «Es ist schwerer, in Spanien etwas...
Das Ballett beginnt Schwarz in Schwarz. In einem düsteren Salon versammeln sich die Gäste und trauern um Anna Karenina. Das mag der geneigte Ballett-Geher raten oder nicht. Wissen wird er es zum Schluss: wenn sich dieselbe Gesellschaft um die Tote versammelt. Der Anfang ist einer der wenigen Eingriffe Christian Spucks in die chronologische Abfolge der Ereignisse...
Eigentlich war das Projekt gar nicht als Tanzstück gedacht: Eine Handvoll geladener männlicher Gäste sollte in kurzen Beiträgen die jeweils persönliche Sicht des Feminismus darstellen. Die Choreografin Perrine Valli und Francine Jacob, ehemaliges Model, heute Modeberaterin und Filmproduzentin, wollten eine Art subjektive Gipfelkonferenz ausgesuchter Künstler und...
