Vor Auschwitz versagt Strawinskys Musik

Martin Stiefermann: «Le Sacre du printemps» in Oldenburg

Tanz - Logo

Igor Strawinsky hat uns seinen «Sacre du printemps» doppelt hinterlassen: in der originalen Orchesterfassung und in einer weniger bekannten Version für zwei Klaviere, die gelegentlich von Choreografen zum Vergleich herangezogen wurde. Auch Martin Stiefermann tut das. Aber er opfert nicht wie seine Kollegen (Uwe Scholz vielleicht ausgenommen) am Ende die eine Fassung der anderen.

Indem er beide Versionen miteinander kombiniert, schärft er die «Atombombe der neuen Musik», die durch die Zeit der Gewöhnung einiges von ihrer ursprünglichen Brisanz verloren hat – und fasst darüber den Mut, einmal einen Schritt weiterzugehen, als das an einem Theater von der Größenordnung Oldenburgs üblich ist.
Zweimal «Sacre» also. Eröffnet wird der Abend von einem «Täter», der sich allmählich aus dem Schatten seiner Geschichte löst. Er bleibt nicht lang allein. Aus dem Dunkel treten anonyme Gestalten, die sich in nichts voneinander unterscheiden – es sei denn durch ein Bewegungskonzept, das Aufschluss geben soll über ihre individuellen Beweggründe. Stiefermann hat für jeden Einzelnen ein gestisches Vokabular entwickelt, das geradezu aggressiv aussagekräftig ist: ein monomanisches Choreogramm sozusagen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Dezember 2005
Rubrik: On Stage, Seite 44
von Hartmut Regitz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Süße Mädchenträume und bittere Initiation

An Heiligabend sinkt Marie, die siebenjährige Tochter des Medizinalrats Stahlbaum, mitten im Spiel zusammen. Gerade noch hat Pate Drosselmeier, seines Zeichens Obergerichtsrat und Uhrmacher, ihr einen Nussknacker geschenkt, der ihm selbst un­übersehbar ähnelt. Marie hat den «grundhässlichen, kleinen Kerl» sogleich ins Herz geschlossen. An der Schwelle zum Schlaf...

Nutcracker Nation

Christmas time is Nutcracker time, thinks Canadian dance researcher Jennifer Fisher, whose amusing book “Nutcracker Nation” tells us how the Russian “Nutcracker” of 1892 became the New World’s favourite ballet. In five chapters, Fisher attempts to elucidate the question of who regularly submits to the ritual of a “Nutcracker” performance at Christmas and why. To...

Stela Korljan: «Mario und der Zauberer»

Zeitgenossen entdecken in Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer mühelos Bezüge zu heute. Als ein Stück über die Freiheit des Willens choreografierte es Stela Korljan, Ballettdirektorin vom Schleswig-Holsteinischen Landestheater. Aus dem «Zauberer» wird der Ich-Erzähler, ein Alter Ego Thomas Manns: niemand anderes als der Generalintendant Michael Grosse, der...