kindheitserinnerung
Auf Stoppelfeldern einen Drachen steigen lassen, die Hand am Stacheldrahtzaun verletzt, vom Fahrrad gestürzt: Bilder ohne Schmerz. Der ist vergessen. Erinnerungen sind oft kalt wie Fotografien. An vieles glaubt man sich überhaupt nur zu erinnern, weil ein Foto existiert. Wenn die Geliebte nicht da ist, tanzt einem ihr Gesicht vor den Augen. Bewegtes aber können wir uns nur selten merken. Fotos halten still, darum wird ein fotografisches Gedächtnis bewundert. Ein gutes Bewegungsgedächtnis haben Tänzer. Getriggert wird es mal vom Gang eines Passanten, mal von einer Musikpassage.
Passage aber heißt nur: Etwas geht vorüber, oder man geht hindurch.
Die europäische Kultur mag keine Passagen. Sie hat den Hang zur Erhaltung des Ganzen, will die Geschichte immer wieder sehen. Wir wollen auf ein Buch in der Bibliothek zurückgreifen, in der nichts verloren gehen darf. Das Archiv des Lebens zu errichten, das ist uns selbstverständlich: um das Vergessen zu vergessen. Deshalb geht immer ein Entsetzen durchs Land, wenn eine Bibliothek wie in Weimar brennt oder ein Archiv wie in Köln einstürzt. Dahinter steht nichts anderes als unsere Angst vor dem Tod.
Vergessen ist natürlich. Erinnern ist Kultur. ...
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«Dance Doctor, Dance! The Psychology of Dance Show» stand auf dem Zettel. In der Mitte prangte das Foto eines mittelalten Mannes mit Brille, rotblondem Haar, leger gekleidet. Einen Arm hält er ausgestreckt wie einen Uhrzeiger. Ein Showstar namens Dr. Peter Lovatt, der aussieht wie John Travolta in «Saturday Night Fever».
Solche und andere Zettel liegen tausendfach...
Ein Vertrag, den am Stadttheater jeder Choreograf unterschreibt, enthält mindestens diesen Passus: «Ch. ist verpflichtet, verstorbene Personen des öffentlichen Lebens zu vertanzen, die jedermann geläufig sind.» Nach Frida Kahlo («Casa Azul») zerlegt Marguerite Donlon nun den großen Komiker Buster Keaton. Ebenfalls immer unterschrieben wird: «Ch. ist...
Sie sagten, die Idee zu Ihrem neuen Stück nach dem gleichnamigen Buch von Claude Lévi-Strauss, hätten Sie während eines Gesprächs über Tanz, Couscous und die «Unarbeitsamkeit des Körpers» mit dem Philosophen Giorgio Agamben gehabt. Ungewöhnlich, dass ein Philosoph Ihr Dramaturg wird. Wie kam es dazu?
Unsere Zusammenarbeit begann 2008 beim Stück «La natura delle...
