Die Kopie der Geschichte
Tanz braucht eine Geschichte, auf die er, wie andere Kunstformen auch, zurückgreifen kann – war dies ein Motiv für Ihre Arbeit?
Millicent Hodson: Die Tanzgeschichte ist sehr stark mit dem Thema Verlust verknüpft. Daraus wurde sogar etwas Heroisches: Dass der Tanz deshalb wunderbar ist, weil er verschwindet. Ich persönlich möchte aber die Dinge sehen, die so wunderbar waren. Kenneth und ich trafen uns bei diesem Thema. Seine Position war: Was ist eigentlich Verlust? Wenn noch einige Dinge übrig sind, dann gibt es immer auch etwas, das man re-imaginieren kann.
John Neumeier: Den Tanz kennzeichnet, dass er gerade keine universelle, lesbare Form hat. Wenn man Musik studiert, kann man zumindest lernen, wie man die Musik des Mittelalters entziffert. Ähnliches gilt für Maler und Schriftsteller. Alles, was man als Tänzer lernt, wird physisch gezeigt, die Tradition des Tanzes wird über Personen weitergegeben. Wenn diese Linie unterbrochen wird, dann brauchen wir Leute, die diese Lücke schließen. Aber die Lücke selbst fasziniert mich an der Tanzgeschichte. Wenn ich an meine Lehrer und an die Lehrer meiner Lehrer denke – ich sehe immer nur Menschen, nie einfach nur Geschichte.
Kenneth Archer: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«More, More, More... Future» nennt Faustin Lin-yekula sein neuestes Werk, eine Kongo-Punk-Performance. Denn in seiner Heimat hat niemand ein Recht auf Zukunft, findet er. Da rezitieren zwei Sänger traumhaft schöne und dabei hoch politische Texte eines Freundes. Der schreibt sie in seiner Gefängniszelle, ist politischer Gefangener. Linyekula mutet dagegen an wie der...
Der schwedische Schriftsteller Carl Jonas Love Almquist schreibt 1835 das Theaterstück «Signora Luna». Ein arabischer Muselman erobert darin nicht nur Sizilien, sondern auch das Herz der zarten Titelfigur, die für ihn die Treue zu Vaterland und Eltern vergisst. Was dem Muselman, Abul Kasem sein Name, allerdings überhaupt nicht gut bekommt. Das Stück ist...
Kettly Noël bezeichnet sich gern als «schwarze Choreografin, die in Afrika arbeitet» – die Differenzierung ist ihr wichtig, denn sie kommt aus Haiti, nicht aus Mali, wo sie heute wohnt – nach Zwischenstationen in Paris und Benin. In den «besseren Vierteln» der Hauptstadt Bamako hat sie ein schönes Haus mit einem Theater im Garten. Dort lebt und arbeitet sie, und...
