Der wilde Mann
Diese Bilder, sie bleiben einem für immer im Kopf: Der Alte mit der Pickelhaube, der zu Mahlers «O Mensch» mit der Kreissäge Babypuppen zersägt; das brennende Herrensakko im Schrank und bald darauf der Kopf einer jungen Frau in der Gasbackröhre; die Blutpumpe an blendendweißen Wänden, dann das blutige Gekröse, das ein Priester in vollem Ornat aus schwappenden Eimern stoisch ein ums andere Mal in den Orchestergraben kippt. Dieses Theater hantiert mit Bildern und grausamen Aktionen; es watet in Kotze, Scheiße und Blut. Dann erst kommt der Tanz.
Der sieht – hoch das Bein in der Chorus Line! – manchmal aus wie in grell-billigen Revuen. Und dann wieder wie dem Expressionismus entliehen. Mit Bewegungsschüben abgewinkelter Gliedmaßen an konvulsivisch ruckenden Rümpfen à la Kurt Jooss, bei dem der Choreograf dieser bewegten Zumutungen, anders als die Protagonistinnen des Tanztheaters, aber gar nicht studiert hat. Sein Theater ist gewalttätig, brutal, laut und aggressiv. Es schont seine Akteure genauso wenig wie die Zuschauer.
Schinderhannes
Der da so wütend um sich schlägt, der – mal brüllender Despot, mal liebevoller Kümmerer – aus den Tänzerinnen und Tänzern das Letzte an Einsatz und ...
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Tanz Oktober 2019
Rubrik: Menschen, Seite 20
von Eva-Elisabeth Fischer
Wir treffen uns in Köln in einem Künstler-Café. Gert Weigelt hat einen Tisch gleich unter einer riesigen Ausstellungswand erobert. Nach und nach zieht er Kataloge aus seiner Ledertasche. Der kleine Kaffeehaustisch wird immer kleiner. Seine Fotografien, alle in Schwarz-weiß, kontrastieren offensiv und provozierend mit den Bildern an der Wand über uns. Die Weigelt...
Zwei Jahre, dann hatte Silvana Schröder die größte Klippe umschifft. Und die hieß: Yoko Ono. Wer einen Abend über John Lennon machen will, kriegt es auf jeden Fall mit der Witwe des Ex-Beatle zu tun, die sehr genaue Vorstellungen davon hat, was sie sehen will und was nicht. Im zweiten Anlauf hat Schröder, Direktorin des Thüringer Staatsballetts, die streitbare Yoko...
Man vergisst allzu gern, dass die lebendige Tanzszene Großbritanniens noch relativ jung ist. Auch wenn das Romantische Ballett ab den 1840er-Jahren in London eine Blütezeit erlebte – vor allem durch die Ballette Jules Perrots (einschließlich des berühmten, für die Starballerinen seiner Zeit geschaffenen «Pas de quatre») – hielt diese Hoch-Zeit nicht einmal zwei...
