Berlin: «Sunny»
Ein Paradox? Wer in der einzigartigen, der zeitlosen Stadt Venedig eintrifft, steht sogleich unter dem Eindruck einer eklatanten Hässlichkeit: Tausende verschwitzter, erschöpfter, orientierungsloser Besucher irren, im uniformen Look des weltweiten Massentourismus, zwischen Bergen herumstehender Gepäckstücke durch den Hauptbahnhof, die Stazione di Venezia Santa Lucia. Dieser nervtötende Kuddelmuddel bildet gewissermaßen das Vorspiel zum eigentlichen Erlebnis der prunkvollen, janusköpfigen «Serenissima», die ihre im Verfall begriffenen Schätze zu ignorieren scheint.
Symptomatisch: die gigantischen Kreuzfahrtschiffe, die einem am unteren Ende des Canal Grande gnadenlos die Sicht auf die Stadt versperren.
Bei der «Biennale Danza» wurde im Teatro alle Tese eine Choreografie ausgezeichnet, die in ganz ähnlicher Weise zwiespältig anmutet: Emanuel Gats Kreation «Sunny». Warum zwiespältig? Weil das, was zunächst im Fokus des Stücks zu stehen scheint, plötzlich fallen gelassen und das Publikum von Gat in eine völlig andere Richtung geleitet wird. Gats eigenen, schlichten Anmerkungen zu «Sunny» entnehmen wir, dass er mit seiner Choreografie – im Schulterschluss mit dem live auftretenden ...
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Tanz August/September 2016
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 34
von Silvia Poletti
Bei jedem großen Fußballturnier nutzen Feuilletonisten die Chance, Brücken zwischen Ball- und Bühnenspiel zu schlagen, gewissermaßen den Kick im Welttheater zu entdecken. Und zweifellos gibt es Spieler mit einer so genialen Motorik, dass sie damit auch Tanzstars werden könnten. Das beweisen nicht nur ihre eingeübten Choreografien beim Torjubel.
Umgekehrt führen uns...
Eine Saison wie aus dem Bilderbuch am Broadway: Noch nie wurden so viele Eintrittskarten verkauft, sind so viele Besucher in die Theater geströmt wie in der gerade zu Ende gegangenen Spielzeit. Dabei haben jüngere Besucher das traditionell weiße und mittelalte Publikum aufgemischt. Vielleicht auch, weil sich trotz gestiegener Eintrittspreise immer öfter die...
Wie sich die Gedanken beim Reden allmählich verfertigen, lässt sich eindrucksvoll an einem Werkstattgespräch der Akademie der Künste (DDR) ablesen. Von keiner Geringeren als Ruth Berghaus moderiert, ebenfalls eine namhafte Choreografin, entwickelte Pina Bausch 1987 coram publico ihr Verständnis dessen, was sie selbst als Tanztheater bezeichnet hat. In...
