antragslyrik
Seit dreißig Jahren schreibt sie selbst Anträge, seit zwanzig Jahren sitzt sie in Beiräten und Gremien, die darüber diskutieren, wessen Kunst es würdig ist, mit Zuwendungen bedacht zu werden. Zehn Jahre lang, bis 2000, baute Sigrid Gareis die Abteilungen Theater/Tanz und Internationaler Kulturaustausch im Siemens Arts Program auf und war an der Gründung von vier Festivals in Greifswald, Moskau, München und Nürnberg beteiligt. Bis 2009 leitete sie als Gründungsintendantin das Tanzquartier Wien.
Heute ist Sigrid Gareis unter anderem Jurymitglied des Hauptstadtkulturfonds in Berlin. Sie muss es wissen:
Mein erster Antrag? Ich studierte im vierten Semester Ethnologie, ich wollte ein Ausstellungsprojekt machen über afrobrasilianische Religionen. Das Münchner Stadtmuseum nahm meinen Antrag an, und ich dachte, o Gott, die brauchen doch Referenzen, aber dem Leiter gefiel wohl die Akribie und Detailgenauigkeit, mit der ich damals plante, um eine quasi performative Ausstellung zu machen, was noch neu war. Keine Ahnung, ob ich das hinbekommen hätte, der Kurator jedenfalls wurde abberufen, so wurde nichts daraus.
Aber eine Ausstellung zu planen, das ist etwas ganz anderes, als Geld für Tanz ...
Seit 1985 recherchiert Stefan Kuntz die Fallstricke für freie Theater. Jetzt findet zum ersten Mal explizit auch die Tanzszene Einzug in seinen «Survival Kit. Freies Theater und Freier Tanz», ein Handbuch, das, um Transition und Choreografenrechte erweitert, im Prinzip einen so großen Unterschied zwischen Tanz und Theater nicht machen muss. Beide Sparten schlagen sich mit GEMA und KSK herum. Was die Formulierung von Anträgen für Fördermittel betrifft, so macht Kuntz nützliche Quellen, Übersichten etwa über Sponsoren im Netz, kenntlich. Das Buch, das sinnvollerweise auch als Datei und CD-ROM erhältlich ist, dient als Ratgeber fürs Faktische, diskutiert dezidiert die Vor- und Nachteile von Organisationsformen wie GmbH und Verein, ebenso fast jede steuerliche und versicherungsrechtliche Unwägbarkeit, die auf eine Kompanie zukommt, dazu das ganze Vertrags- und Arbeitslosenrecht, dem Künstler so gern verständnislos gegenüberstehen. Die Verzweiflung der freien Szene treibt Kuntz an: Wie sieht eine dem Förderantrag stets beizufügende Kostenkalkulation korrekt aus, wie viel Honorar schreibe ich mir selbst auf, wie rechne ich sauber ab, wie kann ich mich gegen Unfälle, Vertragsbruch und überzogene Forderungen schützen? Das Werk gehört, am besten mit Updates abonniert, in jedes Regal derer, die Verantwortung gegenüber ihren Mittänzern tragen. aw ...
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Sie hat sich gewünscht, dass der «Tanz immer mehr zu einer Kunst werden kann, die menschliche Größe befördert». Und dass er «nicht vornehmlich geistige Armut erzeugt durch Überbewertung mechanischen Trainings und engstirniges, leistungsbezogenes Denken». Mit unerschöpflicher Energie widmete sich Elise Ribeiro Ralston ihrer Kunst, mehr als zwanzig Jahre lang an der...
Was hat man gestaunt bei «Qi», der letzten Revue im Berliner Friedrichstadtpalast. Nicht zuletzt darüber, wie sehr man sich selbst hat mitreißen lassen von diesem Strudel aus Show-tanz, Girlsreihen, Akrobatik, Zauberei, Opulenz und Kitsch. Jetzt sollte alles noch viel besser und aufregender werden, in der zweiten, unter Leitung des neuen Intendanten Berndt...
Die Ballettstangen werden zur Seite gestellt, die Geigerin, die das Training begleitet hat, packt ihr Instrument ein und geht. Die Tänzer verteilen sich im Raum. Pause beim Workshop der «Tanzwerkstatt Europa» in München. Richard Siegal beginnt sich zu bewegen, verlagert das Gewicht, fällt, zieht den Körper lang und wieder zusammen, schnörkelt mit der Hand. Dazu...
