Brief vom Faun
Choreografen, Ihr benutzt mich, als wär ich Euer Liebhaber. Und zärtlich seid Ihr zu Eurem Faun ja auch nicht. Tero Saarinen, der Finne, beschießt mich mit Videos. Anna Ventura, die Katalanin, pflanzt mich auf einen Eisblock. Bernardo Montet macht aus mir ein Reptil. Bei Jean-Claude Gallotta musste ich Bart tragen. Hat man als himmlischer Hirte der Natur nicht etwas mehr Bildtreue verdient? Als vor zehn Jahren Quatuor Knust in Paris meine Gesten zerriss, das steckt mir noch bis heute in den Knochen. Bin damals direkt zu Vater Pan in die Sprechstunde gerannt.
«Hab ich jetzt Arthrose?» Aber der hat ja für alles eine Erklärung, kratzte sich zwischen den Beinen, leckte an seiner Flöte und schüttelte den Kopf. «Die Franzosen können nicht anders. Müssen sich alles über den Intellekt erschließen, sezieren, geometrisch aufschlüsseln. Sie haben Angst vor den Instinkten.»
Das war ja schon bei Vaslav Nijinsky so, der jene Geilheit zu zeigen wagte, die Fokine und Petipa kulturbeflissen in ihrem Gentlemen’s agreement sublimierten. Falls Vaslav im Théâtre du Châtelet bei einigen Herren das Herz höher schlagen ließ und weiter unten für Aufstand sorgte, dann durften sie es nicht zugeben. Damals. ...
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John Neumeier, Sie sind der Choreograf, der sich am längsten und intensivsten mit dem Werk von Vaslav Nijinsky befasst hat. Sie haben sogar die größte Nijinsky-Kollektion aufgebaut. Warum eigentlich?
Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum würde bedeuten, dass ich das absichtlich gemacht habe. Es ist auch nicht so, dass ich eines Tages die Ambition hatte, die...
Eins müsse er gleich klarstellen, beginnt Jérôme Bel seine neue Performance im Lilian Baylis Studio vom Sadler’s Wells in London: Was als «27 Performances» angekündigt wurde, habe nun einen anderen Titel «A Spectator», und die Vorstellung, so sei hiermit gewarnt, sei kein Tanz und könne gut und gern länger als die angekündigten 60 Minuten dauern. Er improvisiere...
Die Mutterliebe ist ein Papierschwan. Unschuldig weiß und mit scharf gefalteten Kanten, so wird er dem Sohnemann überreicht. Aber wenn er sich leise bei seiner Mutter anlehnen will, wendet sie sich brüsk ab – das Origami-Tierchen muss reichen. Mit gesenktem Kopf und schlaksig stellt Siegfried es zu den anderen in seine Schwanensammlung, die mehr von Liebesentzug...
