brügge: Josef Nadj «Cherry Brandy»
Es gibt Kirschen, die haben nichts als Kerne, und Josef Nadj weiß, wo man sie findet. Statt eines nostalgischen Spaziergangs im «Kirschgarten» hat er dem Tschechow-Festival in Moskau einen bitteren «Cherry Brandy» eingeschenkt, direkt aus dem Gulag. Die Kommissare des französisch-russischen Kulturjahrs baten ihn um einen getanzten Beitrag zu Russlands Theaterikone. Und Nadj hat um Ecken gedacht, über Kreuz gelesen, mit Haken und Ösen choreografiert. Anton Tschechow weilte 1890, noch vor seinen Theatererfolgen, auf der Insel Sachalin unter Insassen einer Strafkolonie.
Was er aus dieser Hölle berichtete, inspirierte Nadj zu seinem düs-tersten Stück überhaupt. Hinzu kommen Stimmen aus dem Gulag: Gedichte von Ossip Mandelstam sowie Warlam Schalamows Erzählung «Cherry Brandy», die Nadj wiederum an Tschechows dramatische Studie «Schwanengesang» erinnerte. Zur Ruhe kommt man in solcher Konstellation nicht, und genau das ist Absicht. Die Reise nach Moskau war für Nadj auch eine Fahrt in die eigene künstlerische Vergangenheit. Nach einer Serie für seine Verhältnisse freundlich gestimmter, musikalischer und poetischer Stücke, in denen auch Platz für Harmonie zwischen den Interpreten ...
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