Zum Fressen gern
Am Ende fallen die vermeintlich Geschädigten bei Achim Freyer an der Wiener Volksoper über Don Giovanni her, zerreißen ihn, statt ihn zur Hölle fahren zu lassen, und vertilgen ihn genüsslich. «Questo è il fin di qui fà mal», so ende, wer Böses tut, behaupten sie im Besitz selbstgerechter Moral. Der Verführer und Wüstling ist perdu, das Leben kann seinen normalen Gang gehen.
Doch was ist normal? Auf jeden Fall wirkt das D-Dur, sonst Ausdruck für Don Giovannis Élan vital, in der scena ultima dieser Oper irgendwie formelhaft, weniger glanzvoll als davor, etwa zu Beginn der «Tafelszene aller Tafelszenen» (Wolfgang Hildesheimer). Und auch die Sechs wirken irritiert. Sollten sie den Don bereits vermissen und hinter Geschäftigkeit ein Gefühl der Leere verbergen?
Wer Böses tut? Könnte das vermeintlich Üble vielleicht auch daran liegen, dass die von Don Giovanni verführten und verlassenen Damen das genossene Gute nicht erneut, und immer wieder, erfahren dürfen? Hector Berlioz machte sich so seine Gedanken über die Koloraturen der Donna Anna im Allegretto-Teil ihrer zweiten Arie: Sie scheine, meint er, «hier ihre Tränen zu trocknen und sich plötzlich in unschicklichen Posen zu ergehen ...» ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Gerhard Persché
Eigentlich ein ganz normaler Ort, so ein Hotelzimmer. Das gilt selbst dann, wenn es mit einem Konzertflügel und Wandschmuck à la Louis XV., mit Flachbildschirm und Baldachin überm Bett ausgestattet ist. Doch normal ist wenig von dem, was in den zwei pausenlosen Stunden an der Bayerischen Staatsoper in diesem Hotelzimmer geschehen wird: Da macht sich schon bald das...
Die zweite von Stéphan Lissner eingefädelte Premiere an der Opéra national bot dem Pariser Publikum ein doppeltes Wiedersehen. Krzysztof Warlikowski hatte unter Gerard Mortier die Regiepalette des Hauses bereits um einige Arbeiten bereichert. Während der von Mortiers Nachfolger Nicolas Joël geprägten Jahre der Restauration war er erwartungsgemäß nicht mehr zum Zug...
In seiner Berliner Inszenierung situiert Dmitri Tcherniakov Rimsky-Korsakows meist als historisch-romantisches Rührstück verkitschte «Zarenbraut» in der medialen Gegenwart eines russischen Fernsehstudios, wobei immer wieder punktgenaue Überblendungen, aber auch irritierende Brechungen zwischen der realen Eifersuchtstragödie und der von der Medienmafia inszenierten...
