Zu viel Distanz
Die Welt ist eine Scheibe. Die Scheibe eine Arena. Sandfarben, backofenwarm ausgeleuchtet von Alex Brok. Dennoch will irisierende Stimmung nicht aufkommen. Es fehlen die Zuschauer, ihr Gejohle und Geraune, es fehlt das Flair des Stierkampfs. Es fehlt das Klischee. Lotte de Beer deutet Mérimées sevillanische Atmosphäre am Essener Aalto-Theater nur in den Kostümen (Clement & Sanôu) an, sowie mit einer von ihr selbst realisierten Choreografie, die traditionelle Massenauftritte stilisiert. Und genau das ist der Knackpunkt.
Bizets «Carmen» ist zwar genretechnisch eine Opéra-comique, erzählt aber darüber hinaus die Geschichte einer Frau, die frei sein will wie ein Vogel und diese Selbstbestimmung unabhängig von Leben oder Tod wählt. Da sind, wie auch immer man die Titelfigur zeichnet, erkleckliche Leidenschaften und Verwerfungen im Spiel. Die Carmen der niederländischen Regisseurin aber atmet vor allem eines: Distanz. Distanz zu den Herren der Schöpfung, zu sich selbst, zur Liebe, zum Leben, zur Lust. Als kühle, intellektuelle (rothaarige) Schönheit betritt Bettina Ranch die Szenerie, ihre Erotik sublim aussteuernd, mit abwehrender Gestik und – anders als ihr samten dunkler Mezzo – nur ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Jürgen Otten
Es gibt ihn also doch noch. Den roten Opernvorhang. Er teilt die Welt in ein Diesseits der schnöden Realität und ein Jenseits der magischen Möglichkeitsform des Musiktheaters. Just am Theater Luzern, wo der sonst gern selbst regieführende Intendant Benedikt von Peter in mutigen Raumkonzepten an der Aufhebung eben dieser Trennung arbeitet, behauptet die Oper dank...
Medea. Allein der Name provoziert, irritiert, spaltet den, der ihn in den Mund nimmt. Ruft Entzücken wie Entsetzen hervor, lässt das Herz beben, die Seele erzittern. Medea. Ein Hall von Assoziationen begleitet sie auf ihrem Weg, folgt der Eumeniden Erfüllerin, auf ihrer Spur: der Spur des Todes. Denken wir an Medea, schiebt sich unweigerlich eine Frage ins Feld...
Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken...
