Wirr ist das Volk
Ein Montagabend in Dresden, halb sieben. Vom Zwinger, vom Kempinski, von der Hofkirche her schieben sich Menschen auf den Platz vor der Semperoper. Über der Menge wehen Fahnen. Schwarz-Rot-Gold, Adler. Ortsschilder und Spruchbänder werden hochgehalten. Einige grimmig dreinblickende Glatzen stehen herum, doch die meisten sehen ganz normal aus. 17 500 Demonstranten versammeln sich nach und nach, skandieren «Lügenpresse!» und «Wir sind das Volk» («Wirr ist das Volk», witzelt man in der Gegendemo.
) Am Montag nach dem Anschlag auf die Pariser Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar werden es 25 000 sein. Menschen, die sich und ihren Unmut im vagen Positionspapier der selbsternannten «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» irgendwie wiederfinden. Die verlangen, dass man «endlich mal Klartext reden darf», die gegen «aufgezwungene Toleranz» wettern, gegen die «Überfremdung» ihrer Städte und «Wirtschaftsflüchtlinge». Zur Oper kommt man kaum durch. In der Dunkelheit vor dem Vorverkaufspavillon und dem versperrten Haupteingang der Oper haben sich Einlasser postiert, die versuchen, im Gedränge verirrte Operngäste auszuspähen und diskret zu den Seiteneingängen zu ...
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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff
Der Bahnhofslautsprecher weiß es genau: Der Zug Nummer 1866 hat 148 Jahre Verspätung. Die Straßburger Premiere widerlegt die Ankündigung spielend und tanzend. Offenbachs Opéra bouffe «La Vie parisienne» (stimmt: Jahrgang 1866) ist in Wahrheit überpünktlich – meint: so genau auf dem Punkt, wie eine Vergegenwärtigung Maître Jacques’ nur sein kann. Die Deutsche Bahn,...
Das Plakat – roter Schriftzug auf knallblauem Grund: «gaertnerplatztheater.de» – könnte auch ein riesiges Trostpflaster sein. Es scheint an den dreifach gestapelten Containern zu kleben und lenkt ab noch von manch anderem: vom Riesengerüstgitter, vom Kranballett und von der Grube hinterm Haus. Wer in diesen Wochen an der Baustelle vorbeikommt, dem fällt der...
Das Auge hört mit. Nicht nur in der Oper. Manchmal mischt es sich so sehr ein, dass die Ohren das Nachsehen haben. Doch was, wenn nur das Ohr was sieht? Wenn die Bilder nicht von außen, sondern von innen kommen? Inspiriert durch Adriana Hölszkys Musiktheater «Tragödia – Der unsichtbare Raum» experimentiert die Berliner Regisseurin Sabrina Hölzer seit vielen Jahren...
