Wer bin ich?
Eine junge Frau tappt durchs Dunkel. Kurz sehen wir ihr Gesicht, ihre nackten Füße, im Staccato einer flackernden Taschenlampe. Dann verschwindet sie. Leuchtet wieder auf, wie eine Ikone. Verschwindet wieder. Nur wenn die Frau den handbetriebenen Dynamo in Gang setzt, wird es Licht. Ratsch macht es dann und ratsch und ratsch, immer schneller. Darüber schwebt ihre Stimme, klammert sich an einen einzigen hohen Ton. Eine Stimme, die nicht weiß, wer sie ist und wer sie hört; die mit sich selbst spricht, um zu spüren, was das ist: ICH.
Ausgesetzt in einem imaginären Resonanzraum, der jeden Klang, jedes Geräusch aufsaugt und zurückspielt – mal ausgedünnt, gespalten, mal vervielfacht, vergrößert. Woher kommt diese Frau? Wo lebt sie? Wohin will sie? Wir erfahren es nicht.
Auch nicht, als sie einen Dialog mit ihrem gefilmten Spiegelbild beginnt, ein Duett mit dem Alter Ego hinten auf der Leinwand. Ihr Live-Gesang verschmilzt mit dem Soundtrack, die physische mit der Video-Figur. «One» hat der niederländische Komponist Michel van der Aa sein erstes, kaum eine Stunde langes Bühnenwerk genannt. Das kann man nur ironisch verstehen. Denn sein Lebensthema ist die gefährdete, gebrochene, ...
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Opernwelt April 2012
Rubrik: Medien | CDs, DVDs, Bücher, Seite 20
von Albrecht Thiemann
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