Weill: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Berlin

Opernwelt - Logo

Über Mechanismen des Kapitalismus wissen Zuschauer und Mitspielende der Berliner Neuinszenierung von Anfang an Bescheid – womit soll ein Lehrstück namens «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny», das seine Pointe bereits im Titel trägt, auch überraschen? Die Protagonis­ten erschaffen Mahagonny und zerstö­ren sich selbst in schöner Folge – mit Hilfe von Brechts Regieanweisungen, die nun an die Brandmauer der leeren Bühne der Komischen Oper projiziert werden. Ein Jakob Schmidt, der drei Kälber gefressen hat, liest auf der Wand, dass er nun folgerichtig tot umfallen muss.

Indem Homoki das Stück selbst der Determination des in ihm vorgeführten Sys­tems aussetzt, geht er über den immanenten Gehalt hinaus. Das ist auch nötig, denn die Erkenntnis, dass der in Mündigkeit und Kapitalismus entlassene Mensch sich selbst zerstört, bietet rund achtzig Jahre nach der Entstehung des Stückes so wenig Kritik- wie Korrekturpotenzial.
Die «Mahagonny»-Oper, wo selbst Gefühle erlöschen, sobald das Geld fehlt, ist vielleicht das traurigste Stück, das Brecht je geschrieben hat. Dass der Holzfäller Jim Mahoney am Ende nicht hingerichtet, sondern nur von Mahagonnys ehemaligen Bewohnern vor der Brandmauer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2006
Rubrik: Kurz berichtet, Seite 50
von Matthias Nöther

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mensch, Masse und Marionetten

Ernährungsphysiologisch ist Brat­wurst mit Pommes ja ohnehin eine Katastrophe (obwohl Katas­trophen bekanntlich ganze Volksstämme zusammenschwei­ßen). Aber nach dem letzten «Spiegel»-Interview dürfte sich Jürgen Flimm einmal mehr überlegen, ob er zum Grundnahrungsmittel des Ruhrpotts greift oder nicht unverfänglich zum weltmännischen Lachshäppchen bei der...

Das Ikea-Licht der Erkenntnis

Man kann wahrlich einfachere Themen für ein Musik­theater wählen als Platons Höhlengleichnis, diesen Dreh- und Angelpunkt griechischer Philosophie. Doch der ukrainische Komponist Vladimir Tarnopolski, geboren 1955, hatte sich schon bei seinem Münchener Biennale-Erfolg vor sieben Jahren («Wenn die Zeit über die Ufer tritt») dem großen Ganzen verschrieben. Nun also...

Macht am Rhein

Es gehört wohl zu den anthropologischen Konstanten, dass sich im subjek­tiven Rückblick die Dinge umso mehr verklären, je weiter sie in der Vergangenheit liegen. Der oft im Brustton der Überzeugung vorgetragene Glaubenssatz, dass früher alles besser gewesen sei, ist dabei natürlich meist weniger fundiertes Lob des Gewesenen als Ausdruck des Unbehagens an einer als...