Was heißt hier Provinz?
Ein grauer Morgen in Quedlinburg, es nieselt, die Temperaturen werden nicht über fünf Grad steigen, der Himmel liegt so tief, dass die Wolken am Turm der Stiftskirche hängen zu bleiben drohen. Mon Dieu, wie soll man so einen deprimierenden Sonntag nur durchstehen? Gehen wir doch einfach in die Oper! Um 15 Uhr wird Daniel François Esprit Aubers «Fra Diavolo» gegeben.Das ist der Zauber des deutschen Stadttheater-Systems.
In welchem Land der Welt gibt es das noch – eine 25 000-Einwohner-Gemeinde, die ihr eigenes Mehrspartenhaus hat, ein lokales Zentrum der Live-Kultur, ganzjährig bespielt, mit festem Solistenensemble, mit eigenem Chor und Orchester? Der Ruf der deutschen Kulturnation wird jenseits der Metropolen verteidigt, an Orten wie Quedlinburg und Halberstadt, den beiden Stammhäusern des Nordharzer Städtebundtheaters. Oder in Hildesheim, wo das Theater für Niedersachsen zu Hause ist.
«Wer heute, im Zeitalter von Breitbandinternet, ICEs und dem dichtesten Autobahnnetz der Welt noch ‹Provinz› sagt, denkt in Kategorien des 19. Jahrhunderts», schrieb der Karlsruher Intendant Peter Spuhler kürzlich in «Theater heute». «Provinz spielt sich inzwischen im Kopf ab, findet sich nicht in ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Reportage, Seite 48
von Frederik Hanssen
Ein Raunen geht durchs Publikum, als sich der Vorhang hebt. In historischen Gewändern aus guter alter Zarenzeit stehen da Mütterchen und Väterchen, Reiche und Arme, ein Mädchen mit rotem Kopftuch; Angst und Schrecken sind ihnen ins Gesicht geschrieben. Dahinter in strahlendem Licht die riesige Replik eines Ölgemäldes von Wassili Surikow: der Rote Platz im...
Hildegard Knef sang einst das Lied von einem, der nie ein Kavalier bei den Damen war, doch dafür ein Mann, und Polly Peachum gibt im Barbara-Song der «Dreigroschenoper» ähnlich Machogläubiges von sich. Häufig scheinen Mädchen aus gutem Hause sich Außenseitern an den Hals zu werfen, weil diese vermeintlich die interessanteren Männer sind. Ob man damit freilich...
Eine Müllhalde, davor ein scheinbar endloser Flüchtlingsstrom: Das erste Bild lässt rabiate Aktualisierung erwarten. Doch was Ausstatter Stefan Heyme auf die Bühne gestellt hat, ist weniger naturalistisches Abbild als stilisierte Skulptur. Regisseurin Tatjana Gürbaca gewinnt daraus ein Emblem menschlichen Elends, das Gegenwart und Vergangenheit erhellend...
