Von echten und kalkulierten Gefühlen
Es sei ein Zeichen von geistesgeschichtlichem Instinkt, dass Kritiker zur Eitelkeit neigen, befand Joachim Kaiser im einleitenden Essay zu seinem «Kleinen Theatertagebuch» (1965). Denn dadurch verrieten sie, dass sie alle Sicherheiten des Urteils vorspielen müssten. Dies scheint sich vor allem dann zu bestätigen, wenn in ein und derselben Sache die Meinungen völlig auseinander gehen. Wie etwa bei Jürgen Kesting und Manuel Brug – beide sind mit einschlägigen Publikationen über Sängerinnen und Sänger hervorgetreten – hinsichtlich des Recitals der Mezzosopranistin Elina Garanca.
Während Kesting die CD in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» als das «eindringlichste Vokal-Recital seit Langem» bezeichnet, ist Brug in der «Welt» davon enttäuscht; die Häppchen seien «appetitlich, aber gleichförmig auf der Silberscheibe angerichtet», der Lettin fehle es an «Feinzeichnung, Geschliffenheit und Witz».
Was die gesangliche Technik betrifft, mag man Kesting gern zustimmen. Garanca ist überzeugend hinsichtlich der Nuancierung der Stimmfarbe wie auch ihrer Stimmführung frei auf dem Atem, welche die dramatischen Ausbrüche nie angestrengt klingen lässt, sowie der Virtuosität etwa bei ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn die Unterwelt ihre Furien ausspuckt, die Erde zittert und der Himmel grollt, dann hat die Musik ihren großen Auftritt. Sie erledigt solche Ereignisse in wenigen Takten, meist sogar in wenigen Sekunden. Doch solche Sekunden haben es in sich. Da sackt plötzlich jede metrische Ordnung weg, und die Streichinstrumente donnern wuchtig, als wollten sie den Schlägen...
Hans-Peter Jahn, Künstlerischer Leiter des Stuttgarter Eclat-Festivals für Neue Musik, ist in den vergangenen Jahren zunehmend von der großen Rätselfrage Musiktheater fasziniert: Wie könnte die Musikbühne jenseits von Literaturoper, Narration und Guckkasten beschaffen sein? In Stuttgart hat Klaus Zehelein mit dem Forum für Neues Musiktheater stets auf der...
Mal wandert ein Lichtstreif von links nach rechts; mal treibt ein schwarzer Strich die Figuren auf der hellen Bühne vor sich her; mal trennt er die, die zusammen wollen. Das Licht ist an diesem Abend eine eigenständige dramatis persona. Die Menschen bewegen sich im Tempo der Musik, also in slow motion, sind in ihren Gängen und Gesten strikt aufeinander bezogen....
