Vom Rotzlöffel zum Rächer
Geschichtsaufarbeitung überall, hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Das «Marsdrama» von Karl Kraus darf nicht fehlen. Vor 450 Jahren begann der Freiheitskrieg der Niederlande gegen die spanische Blutherrschaft. Später gab ihm Charles De Coster in seinem Roman die Leitfigur des Ulenspiegel. Heute wimmelt es auf der ganzen Welt von Aufständen, Freiheits-, Sezessions-, Stellvertreter- und nicht erklärten Kriegen.
Glaubte man Adornos apodiktischem Wort, nach Auschwitz sei kein Gedicht mehr möglich, und wäre das schlechte Gewissen für das eigene Überleben nach den Toten des Jahrhunderts die moralische Elle, so hätten Kunstwerke, zumal die, die nicht das Grauen der Gewalt, der Sinnlosigkeit, der Dummheit zu ihrer Sache machen, kein Lebensrecht mehr. Aber kann man Walter Braunfels in seinem 1913 uraufgeführten «Ulenspiegel» sein naives, quasirevolutionäres Engagement am Vorabend des Weltkriegs vorrechnen? Schließlich ahnten die wenigsten, dass dem Weltbrand nur noch der Zündfunke fehlte.
Der Verein EntarteOpera, geleitet von Susanne Thomasberger und Martin Sieghart, hatte beim Brucknerfest 2013 erfolgreich Schrekers «Schatzgräber» in der Linzer Tabakfabrik produziert (OW ...
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Opernwelt November 2014
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Dietmar Polaczek
Sir Neville, Sie waren einer der wichtigsten Dirigenten der Sechziger- bis Achtzigerjahre – bis die Spezialisten der Alten Musik kamen und Ihnen das Repertoire entrissen. Haben Sie mit denen eine Rechnung offen?
Nein, ich war eher erfreut. Der Siegeszug der historischen Aufführungspraxis hatte zur Folge, dass wir uns fortbewegen konnten und nicht immer dasselbe...
Dass die Ordnung der Dinge ins Wanken und das Leben aus den Fugen geraten kann; dass man sich manchmal neu erfinden muss, ohne einen Schimmer, was dabei herauskommt – solche Erkenntnisse gehören zwischen Dortmund und Duisburg längst zum Alltagswissen. Das ehemalige Kohle- und Stahlrevier, bis in die 1970er-Jahre smogverhangenes und lautstark hämmerndes Herz der...
Zwei prominente Urteile über Richard Strauss gibt es, die widersprüchlicher kaum sein könnten. Er sei «ein so fabelhaft unraffinierter Mensch», meinte sein Librettist Hugo von Hofmannsthal 1909 über ihn in einem Brief an Harry Graf Kessler, und habe «eine fürchterliche Tendenz zum Trivialen, Kitschigen in sich». Gut zwei Jahrzehnte später schrieb der nächste...
