Verträumt
Ach, wer bringt die schönen Tage wieder? Vor Elsas Fenster liegt ödes Land: abgegraste Stoppelfelder, düster, kahl und kalt wie die Menschen, die hier leben. Goldfunkelnd leuchtet das Gralsmotiv aus dem Graben, Elsa kauert auf dem Bett, an der Zimmerwand erinnert ein Jagdhorn an den verschollenen Bruder.
In der Dortmunder Inszenierung von Ingo Kerkhof scheint der Schwanenritter nur ein Hirngespinst zu sein. Elsa träumt ihn herbei, um der unheilvollen Realität zu entfliehen; Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen.
Die Außenwelt dringt in die Mädchenkammer ein, in Person des abgebrühten Machokönigs Friedrich von Telramund und der Klägerin Ortrud. Elsa schwärmt von ihrem Retter, die anderen lachen hämisch, zucken mit den Achseln, rauchen Zigaretten. Unsichtbar, vom Balkon herab, besingt der Opernchor die Ankunft Lohengrins. Auf der Bühne jedoch geschieht zunächst: nichts. Dann erscheint er doch, schleicht aus dem Dunkel nach vorne, im strahlend weißen Hemd, unbeachtet von allen.
Dass unklar bleibt, ob alle Handlung nur in Elsas Kopf geschieht, verursacht jedoch dramaturgische Schwierigkeiten. Wenn der Konflikt zwischen Lohengrin und Telramund ein Symbol darstellt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Thilo Braun
Das Stück war nicht etwa uninteressant, es war einfach zu interessant, und deshalb war es schnell weg»: So deutet Peter Konwitschny das Schicksal von Paul Dessaus Oper «Lanzelot», uraufgeführt 1969 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, nirgendwo mehr inszeniert seit 1972. Der Regisseur, Jahrgang 1945, war selbst Mitakteur der (staatlich gelenkt) blühenden,...
Herr Reinvere, wie sind Sie eigentlich auf das Thema «Beethovens Tochter» gestoßen?
Auslöser meines Interesses war sein berühmter Brief an die «Unsterbliche Geliebte» aus dem Jahr 1812. Wenn man sich fragt, welche Frau die Adressatin dieses Briefes gewesen sein könnte, begegnet man sehr schnell Josephine Brunsvik, jener aus einem ungarischen Adelsgeschlecht...
Schon mal was von ASMR gehört? Wir auch nicht. Autonomous Sensory Meridian Response – so nennt die Medizin eine Körperreaktion, die sich wie ein wohliges Kribbeln auf der Haut anfühlt. Manchmal wird es durch eine leichte Berührung ausgelöst, manchmal durch den Tonfall einer Stimme oder ein Geräusch. Was da genau passiert und warum, ist wissenschaftlich bislang...
