Versteinerte Gefühle
Seit den 1980er-Jahren posieren sie in und um Covent Garden für Touristen: kupferne Zenturionen, silberne Schornsteinfeger oder vornehme Stadtbürger in Bronze. David McVicar war der erste Regisseur, der einen dieser edelmetallisch glänzenden Straßenkünstler ins Royal Opera House holte. Duncan Meadows hieß der muskulöse Mime – er verkörperte in McVicars «Salome»-Inszenierung von 2010 den nackten, blutverschmierten Henker.
Katharina Thoma hat für ihre Deutung von Verdis «Un ballo in maschera» an Covent Garden nun gleich vier lebende Statuen rekrutiert, die – im Stil steinerner Trauerskulpturen des 19. Jahrhunderts, auf Sarkophagen oder Stelen postiert – die Sängerdarsteller Joseph Calleja (Riccardo), Liudmyla Monastyrska (Amelia) und Dmitri Hvorostovsky (Renato) flankieren. Die stilistisch unentschiedene Schauerbühne von Soutra Gilmour scheint Schottland zu evozieren, während die Kostüme von Irina Bartels eher auf den Balkan verweisen und somit auch auf jenes folgenschwere Attentat des 20. Jahrhunderts, das wir mit dieser Region verbinden.
Bereits während der Ouvertüre lässt Thoma die «steinernen Gäste» in einer Traumsequenz auftreten. Im zweiten Akt kehren sie wieder und bedrohen die ...
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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Anna Picard
Wenn ein Gelehrter seine Seele dem Teufel verkauft, wird daraus Welttheater. Tut es ein simpler Jäger, endet es in einer Schauer-Story mit moralinsauer erhobenem Zeigefinger. Insofern hat Max gegenüber Faust keine Chance. Dass man jedoch auch der Geschichte vom Freischützen eine kulturphilosophische Grundierung geben kann, bewies nicht zuletzt der diesjährige...
Der Bahnhofslautsprecher weiß es genau: Der Zug Nummer 1866 hat 148 Jahre Verspätung. Die Straßburger Premiere widerlegt die Ankündigung spielend und tanzend. Offenbachs Opéra bouffe «La Vie parisienne» (stimmt: Jahrgang 1866) ist in Wahrheit überpünktlich – meint: so genau auf dem Punkt, wie eine Vergegenwärtigung Maître Jacques’ nur sein kann. Die Deutsche Bahn,...
Schlimmer hätte es für ihn nicht kommen können: Von den Nazis als «entartet» gebrandmarkt, von den Stalinisten als zu «formalistisch» eingestuft, durfte der 1893 geborene tschechische Komponist Alois Hába erst kurz vor seinem Tod erleben, dass seine vierteltönigen Experimente von der Nachkriegsavantgarde aufgegriffen wurden. Diesen historischen Umständen ist es...
