Tatort Kanzleramt
Wer die Aktualität eines Bühnenwerks besonders betonen will, lässt es hier und heute spielen – ein recht einfach gestrickter Ansatz, der in Frankfurt momentan groß in Mode scheint. Im Mai war Calixto Bieito mit seiner «Macbeth»-Deutung im geilen Morast einer Bankenzentrale gescheitert, jetzt versuchte es Claus Guth – wieder mit Verdi, diesmal dem «Maskenball». Und: Die Tagespolitik kam seinem Ansatz so gut entgegen, wie es keine Planung hätte bewerkstelligen können.
Die Wahlurnen der Bundestagsnachwahl in Dresden waren gerade geschlossen, als sich der Vorhang in Frankfurt hob, um die «K»-Frage für die Verdi-Oper zu beantworten, die mit Liebe, Eifersucht und Machtkampf in eine Parteizentrale verlegt wurde – samt Wahlplakaten, die den Machthaber Riccardo mit roter Krawatte zeigen. Seine Mörder tragen übrigens gelbe. Die Untertanen sitzen im mittleren Management –, und wenn eine Ehefrau mit dem Freund des Gatten anbändelt und hierfür ein stilles Plätzchen sucht, tut es statt einem Galgenberg auch ein schuttüberladenes Abbruchbüro. Das dämonische Element – von Verdi ohnehin eher eine Behelfslösung für die reichlich abstruse «Boston»-Version – ist eliminiert: Ulrica tritt als – wer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Hector Berlioz ging mit seinem erfolgreichen Kollegen Gaetano Donizetti einmal hart ins Gericht, indem er ihm vorwarf, aus der Musik «eine Art Kartenspiel (zu machen), aus dem er hier ein Herz-Ass verteilt, dort ein Treff-Ass oder einen Carreau-Buben». Der Vorwurf zielte auf die Neigung des Italieners zum musikalischen Recycling, die freilich in einer Epoche...
Gleich zu Beginn dieser Oper kracht es gewaltig. Und die Dresdner Staatskapelle, viel gerühmt für ihre Spielkultur bei Musiktheaterwerken der Moderne, beweist Sinn für Gegensätze. Eindrucksvoll, wie sich Verdis wuchtige Erschütterungen schon im Vorspiel mit unbeschwert lapidaren Momenten mischen, wie sich heroisches Pathos und unheilig-vorgetäuschte Nüchternheit...
Es sollte die glanzvolle Saisoneröffnung und zugleich der Auftakt der musikalischen Veranstaltungen des Mozartjahres in Spanien werden. Die Presse hatte die Rückkehr des Don Juan in einer echten Eigenproduktion mit spanischer Starbesetzung mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht. Doch es kam anders. Das späte Debüt des Theaterregisseurs Lluis Pasqual und des...
