Stimmfutter für Fortgeschrittene
Obwohl sie nicht wirklich ein Repertoirestück geworden ist wie «Norma» oder «La sonnambula», gibt es von Bellinis (nicht auf Shakespeare, sondern auf Matteo Bandellos Novelle zurückgreifender) Romeo-und-Julia-Version «I Capuleti e i Montecchi» nicht weniger als 20 Aufnahmen. Bei den meisten handelt es sich um Live-Mitschnitte, der letzte (mit Anna Netrebko und Elina Garanca) kam vor sechs Jahren bei der Deutschen Grammophon heraus. Um auf dem Markt mit einer weiteren Veröffentlichung bestehen zu können, muss man etwas Besonderes und Ausgefallenes bieten.
Dem Label Glossa ist das nun mit einer Produktion gelungen, die den großen Elegiker in neuem Licht erscheinen lässt. Fabio Biondi und sein auf Musik des Settecento und historische Aufführungspraxis spezialisiertes Ensemble Europa Galante präsentieren uns eine Lesart, die den Musikdramatiker in den Vordergrund rückt, teilweise auf Kosten der ausschweifenden melancholischen Melodienseligkeit, die man oft mit Bellini verbindet.
Schon in der Ouvertüre stieben die Funken. Dann wird man in eine spannende Aktion hineingerissen, überhört die Konventionalität mancher Nummern, die auch der Eile zuzuschreiben ist, in der Bellini dieses für ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Ekkehard Pluta
Hatte sie schon etwas geahnt? Die Gegenwart des Todes gespürt? Als Stella Doufexis im Mai 2011 Hector Berlioz’ sonnenbronzene Orchesterlieder «Les nuits d’été» aufnahm, stand sie mitten im Leben. Doch aus dem ranken Körper strömten Töne von so tief empfundener, herbsüßer Melancholie, dass einem beim Wiederhören Tränen in die Augen schießen. Jetzt, nachdem sie gehen...
Es wäre ein bisschen zu einfach, wenn man sagen würde, dass «Il viaggio a Reims» und Christoph Marthalers Theaterästhetik gut zusammenpassen, weil die Menschen in Rossinis dramma giocoso auf eine Reise warten, die nie stattfindet, und weil Marthaler nun einmal der Regisseur ist, der aus dem Warten eine Kunstform gemacht hat. Nein, eigentlich war es ja der...
Die Gedanken sind frei. Sie fliehen, wie man weiß, vorbei wie nächtliche Schatten. Und so darf man wohl entschuldigen, dass uns während der Aufführung von Brittens «Peter Grimes» im Theater an der Wien ausgerechnet Karl Valentin in den Sinn kommt. Der bemerkte einmal hintersinnig: «Heute besuche ich mich selbst. Ich bin schon neugierig, ob ich zu Hause bin ...» Wir...
