Seiltanz und Purzelbaum
Hoch oben, diagonal über der Bühne ein Seil, das anfangs wie eine Neonröhre aussieht. Ganz vorn rechts ragt gerade noch ein Fuß ins Bild. Im Pressematerial zum Karlsruher «Lohengrin» findet sich die Biografie eines französischen Hochseilartisten. Auf der Szene indes keine Spur von ihm. Sollte da...? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Lohengrin – Akrobat zwischen Himmel und Erde? Eine aparte Idee, aber – siehe oben...Was man vor dem Erstauftritt des Helden sieht, ist ein Pappkamerad, am Seil entlang gleitend.
Der schäbige Rest eines Gedankens?
Benedikt von Peter hätte inszenieren sollen. Er sagte ab, Reinhild Hoffmann übernahm. Ein unglückseliger Entschluss. Eine bedeutungsärmere, hölzernere Wagner-Regie sah man lange nicht. Die Purzelbäume, die einer der ballettösen Kulissenschieber einlegt, reißen die Malaise auch nicht herum. Das Fatalste ist, dass ausgerechnet eine rühmlich bekannte Choreografin die «Massen» nicht zu organisieren versteht, solange sie nicht sowieso auf einer – vokal günstigen – Tribüne postiert sind. Ansonsten verhält der Chor sich, wenn Erstaunen, Verwunderung oder Achselzucken anzuzeigen sind, wie beim Kirchgang in «Cavalleria rusticana». Beim Brautzug ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Heinz W. Koch
Bei aller Düsternis, Schwärze und depressiven Kraft hat der Abend auch etwas von einer Etüde. Er wirkt so, als wolle die Oper sich versuchsweise mit dem sogenannten postdramatischen Theater abgleichen. Als würde Andrea Breth, die nicht nur vom Schauspiel kommt, sondern auch Schauspiel unterrichtet, mal ausprobieren, wie viel man rüberholen kann in die andere...
Spät hat die Lyric Opera of Chicago Händel für sich entdeckt. Auf einen konzertanten «Rinaldo» (1984) in der verstümmelten Fassung, die Marilyn Horne im selben Jahr an der Met herausgebracht hatte, folgte ein Jahr später eine ähnlich invasive Bearbeitung des Oratoriums «Samson» mit Jon Vickers in der Titelrolle. Erst mit der Aufführung der an zahlreiche Häuser...
Zeitgenössische Opern sollten nach ihrer Uraufführung eine zweite Chance erhalten. Von dieser kulturpolitisch sinnvollen Forderung profitieren leider selten die sperrigen Werke (es sei denn, sie genießen den Kultstatus von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern»), sondern meist Opern, die an das Repertoire, die Tradition, das klassische Gesangsideal...
