Schneeweißchen, Rosenrot und die beiden Brüder
Die Akzeptanz des Unwahrscheinlichen, des Märchenhaften war stets ein bezeichnendes Merkmal der Oper. Nicht nur, weil der Aficionado es unter anderem goutiert, dass ein gestandener Embonpoint als Jung-Siegfried oder eine Matrone als zartes Mädchen Pamina sich geriert. Sondern weil insgesamt Märchen, Sagen, Legenden das Arsenal des Genres bilden, wie es sich auch in den Programmen der neuen Recitals von Renée Fleming und Anna Netrebko dokumentiert.
Die beiden Sopranistinnen lassen den Rezensenten irgendwie an das Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot denken, zumal ihre Timbres derartige Allusionen provozieren: Das der Fleming ist wie Honig, in sämige Milch eingerührt (bis auf die extreme Höhe, die hier vergleichsweise dünn klingt). Das der Netrebko wie dunkles Gold auf rotem Samt.
Im Übrigen ist auch der bei den Brüdern Grimm involvierte Bär, der als güldener Prinz sich entpuppt, in beiden Fällen mit von der Partie. Und zwar in Gestalt des umtriebigen, stoppelbärtigen Valery Gergiev. Mit seinem Gimmick, den gleich einem nervösen Vogelschwarm flatternden Händen, scheint er die Musik zu formen wie ein Bildhauer sein Material, was leider nur im DVD-Trailer zum Fleming-Recital zu ...
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