Rückschau vom Krankenbett
Charles Gounods «Faust» verschiebt die Dramaturgie der Goethe’schen Vorlage weg vom Erkenntnis- und Erlebnisdrang des ruhelosen Gelehrten hin zur Gretchen-Tragödie. Am Theater Hagen hat nun Regisseur Holger Potocki versucht, die Gewichte zugunsten des Titelhelden wieder in die Gegenrichtung zu verschieben, indem er die Handlung als eine Art Rückschau des todgeweihten Faust erzählt.
Während der Ouvertüre materialisieren sich zunächst diffuse Pixelpunkte auf der den Vorhang ersetzenden Projektionsleinwand.
Langsam formieren sie sich zu einem Greisengesicht auf dem Krankenbett mit Sauerstoffschlauch in der Nase. Der Greis ringt stumm nach Luft, versucht vergebens, sich zu bewegen.
Dann liegt der Alte aus dem Video, der natürlich niemand anders ist als der alte Faust, auf der Bühne in einem kahlen Krankenzimmer. Personal umschwirrt ihn, der diensthabende Arzt wird konsultiert, Schwestern assistieren, schließlich wird der Priester gerufen zur letzten Ölung.
Da der Schauspieler Klaus Klinkmann den Greis spielt, muss Tenor Paul O’Neill die ersten Passagen der Faust-Partie aus dem Graben heraus singen, bis er verzweifelt den Teufel anruft. Da schlüpft der salbende Priester flugs aus der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2015
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Regine Müller
Sechs Jahre sind verstrichen, seit die von der Mailänder Scala und der Opéra national de Paris koproduzierte Monteverdi-Trilogie mit «L’Orfeo» an den Start ging. Zwei Jahre später als geplant wurde der Zyklus nun in Mailand mit «L’incoronazione di Poppea» abgeschlossen – nach einer Voraufführung im Pariser Palais Garnier (siehe OW 8/2014). Rinaldo Alessandrini...
Vor sechs Jahren sang Philippe Jaroussky auf dem Album «Opium» erstmals französische Lieder der Belle Époque (siehe OW 5/2009). Im Sinne einer Mentalitätsgeschichte der Klänge ließe sich auch rechtfertigen, dass ein Countertenor dieses Repertoire pflegt, gerade jetzt, da Jaroussky zwei neue CDs mit Liedern nach Paul Verlaine aufgenommen hat. Als 1869 durch die...
Sie sind schon da, als die Pauke und drei Dissonanzen den Reigen folgenschwerer Missverständnisse eröffnen. Rogoschin, der Dandy. Nastassja, die Umschwärmte. Lebedjew, der Strippenzieher. Und die anderen traurigen Gestalten, die in einem schäbigen Salon fröstelnd darauf warten, dass endlich was passiert. Dass jemand eintritt und die Starre löst, die auf den...
