Puccinis Prekariat

«La Bohème» in Sichtweite von Hartz IV – eine Herbstreise nach Ulm, Kiel, Erfurt, Düsseldorf und Wuppertal

Opernwelt - Logo

 

Den Künstlern des beginnenden 21. Jahrhunderts dürften die Sorgen von Puccinis Bohemiens nur allzu bekannt vorkommen. Mit einem Durchschnittseinkommen unter
15 000 Euro jährlich arbeiten die allermeisten der etwa 300 000 Kunstschaffenden in Deutschland in Sichtweite von Hartz IV. Auch wenn sie mittlerweile immerhin krankenversichert sind, kämen die meisten Rodolfos und Marcellos noch immer in Zahlungsschwierigkeiten bei der Zeche im Café Momus.



Man braucht sich also gar nicht groß zu verrenken, wenn man die «Bohème» aus dem Paris der Belle Epoque ins Deutschland des Jahres 2010 hinüberziehen will. Angesichts der flächendeckenden kommunalen Finanzmisere, deren Folgen auch die Kunst zu spüren bekommt, liegt die Versuchung nahe, dem Publikum anhand von Puccinis Hungerkünstlern den Zustand eines kaputtgesparten Theaters vorzuführen.

Es geht ums Überleben

In Ulm, wo der Magistrat gerade noch einmal die Sparschraube kräftig anzog, hat das Theater die ganze Saison der Thematisierung des eigenen Überlebenskampfes gewidmet: Das Generalmotto «Mehrwert», das bei allen Produktionen über dem Bühnenportal prangt, liest sich als verzweifelter Appell, Kunst nicht gegen Geld aufzuwiegen. Kein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bildnis einer entschieden Gespaltenen

Ich gehöre zu denen, deren Theaterbild nicht zuletzt durch Ruth Berghaus geprägt wurde. Die ersten Erfahrungen reichen tief in die DDR-Zeit zurück: 1964 hatte die Dresdner Gret Palucca-Schülerin die Kampf-Choreografie für Brechts Bearbeitung von Shakespeares «Coriolan» am Berliner Ensemble übernommen; wenig später bot sich Gelegenheit, die Inszenierung im Theater...

Was heißt Stütze?

Über «Stütze» wird unter Sängern und Gesangspädagogen rege diskutiert, obwohl der Begriff alles andere als klar definiert ist, was sich schon darin zeigt, dass verschiedene Sprachen für denselben Vorgang unterschiedliche Begriffe verwenden (z.B. appoggio im Italienischen, soutien im Französischen und support im Englischen), Begriffe, die jeweils unterschiedliche...

Ein Abschied mit Aplomb

Als Christine Mielitz in Dortmund vor acht Jahren als Opernchefin antrat, übernahm sie kein leichtes Erbe. Der Spielplan ihres Vorgängers John Dew hatte sich zuletzt vor allem der Ausgrabung vergessener Werke des französischen Repertoires des 19. und 20. Jahrhunderts verschrieben, was ihm Lob der Presse einbrachte. Die Auslastung aber sank, und die Abos gingen...