Projektionen

Janácek: Aus einem Totenhaus Prag / Nationaltheater

Opernwelt - Logo

Muss das sein? Das ist der erste Gedanke, als sich der prächtige Vorhang des Prager Nationaltheaters hebt. Der Blick fällt auf eine riesige Projektion mit dem Konterfei Leos Janáceks, vor das, mit Fräcken angetan, die Sänger treten, um sich einer nach dem anderen vom Gefängniswärter in das Lager bzw. die Oper einweisen zu lassen.

Doch wozu dieses szenische Anführungszeichen? Sind Dostojewskis bedrückende Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt in einem sibirischen Straflager und ihre Veroperung schon so historisch geworden, dass sie eines Rahmens bedürfen? Während dieser Gedanken weicht die Projektion und gibt den Blick auf die ganze Bühne frei: Sie zeigt das Straflager als einen mit Graffitti besprühten, verwahrlosten lost place, wo den neu ankommenden Häftlingen nun die Anstaltskleidung verpasst wird. In der Mitte des Raums liegt ein malerisch ramponierter Konzertflügel: Er ist die vielleicht etwas buchstäblich geratene szenische Übersetzung des verletzten Adlers, der von den Gefangenen gepflegt und vom Komponisten zum mächtigen Symbol für die Freiheit erhöht wird.

Weil Fräcke und Flügel zwar für die Musik selbst, aber auch für einen ritualisierten Konzertbetrieb stehen könnten, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Carsten Niemann

Weitere Beiträge
Geliebte Feinde

Lior Navok assoziiert mit «Fluss» nicht Lethe, sondern Ähnliches wie Henze in «Wir erreichen den Fluss» (1975) – eine symbolhafte Grenze von Lebenssphären. Sehr viel konkreter bezeichnet der israelische Komponist (Jahrgang 1971) den Fluss überdies als das trennende und verbindende Element zweier verfeindeter Völker (mit dem von beiden Seiten begehrten Wasser), und...

Ensemblekultur

Als im Januar 1962 an der Londoner Covent Garden Opera der Vorhang zu einer neuen «Zauberflöte» unter Otto Klemperers Leitung aufging, waren die Erwartungen hoch – galt seine Einstudierung des «Fidelio» im Vorjahr doch als Offenbarung. Der Mozart aber geriet zur Enttäuschung, vor allem szenisch (der Maestro hatte sich ausbedungen, selbst die Regie zu übernehmen)....

Mal ehrlich... Aus dem Leben eines Taugenichts

Es ist noch gar nicht lange her, da blamierte sich Stéphane Lissner, als er in einem TV-Quiz Arien identifizieren sollte und vier von fünf nicht erkannte. Das YouTube-Video wurde flugs in der gesamten Szene herumgereicht, und so mancher Opernfreund zeigte sich, gelinde gesagt, überrascht. Wie bitte? Der einstige Chef der Scala, jetzt Intendant der Pariser Opéra...