Penner auf der Straße des Lebens
Es sind Stationen, die sich aus der Rückschau zur Reihe fügen. 1983, Komische Oper: Am Schluss von Mussorgskys monumentalem Versuch einer «Gegengeschichtsschreibung» (Ulrich Schreiber) senkt sich ein riesiges Leichentuch über Bühne, Volk und Herrscher. Die DDR liegt in den letzten Zügen. Eine «Zeit der Wirren» scheint antizipiert, ganz wie beim historischen Zaren Boris Godunow. Harry Kupfer befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Vergegenwärtigungskunst.
1995, Deutsche Oper: Götz Friedrich, auch ihm gelingt eine seiner stärksten Berliner Arbeiten, zeigt Boris als Mann ohne Eigenschaften. Sein Weg nach oben bedeutet Schliff bis zur Profillosigkeit. Der Sitzungssaal der Bojaren atmet den Charme von Honeckers Palast der Republik. Das Gestern steckt tief im Heute.
2005, Staatsoper: Für den fünfunddreißig Jahre jungen russischen Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov spielt «Boris Godunow» im Moskau von heute, obwohl der Zeitanzeiger an der schmuddeligen Fassade des Telegrafenamtes bis 2018 rennt. Man lechzt nach Zukunft, kommuniziert per Handy, relaxt in Coffee-Shops, in der U-Bahn explodiert eine Bombe, und die Kinder des Parteichefs klicken sich ihr «Reich» am PC herbei. Anna ...
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Ein Kommunikationsgenie wie den britischen Dirigenten Simon Rattle hat es in der klassischen Musikhemisphäre wohl seit den Tagen Lenny Bernsteins nicht mehr gegeben. Dass Rattle (nicht erst als Nachfolger Claudio Abbados am Chefpult der Berliner Philharmoniker) zu den Top Ten der stabführenden Zunft aufschoss, ist nicht nur auf sein stets frisch wirkendes...
Biene Maja auf der Opernbühne: Rund um eine hübsche riesige Blume (Ausstattung: Christian Schmidt) tummelt sich der junge Graf Almavia als verliebte Hummel, die sich vor einer Riege Ameisen (irre komisch und exzellent parlierend: der Männerchor des Gärtnerplatz-Theaters) immer wieder neckisch mit einem goldenen Flitterregen bestäubt. Tom Cooley singt ihn mit...
Nach der Premiere hatte Staatsoperndirektor Ioan Holender auf die Frage, ob man denn in Wien konservativer sei als anderswo, einen schönen Satz mit Nestroy-Qualität geprägt: «Die Wiener sind durchaus fürs Neue. Nur ändern darf sich nix.» Da aber nun Regisseur Barrie Kosky einiges an den gewohnten Topoi in «Lohengrin» zu ändern suchte, schien die Wiener Opernseele...
