Ohne Schummeln

Notitzen vom Finale des 34. Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerbs in Amsterdam

Opernwelt - Logo

Während des Finales des diesjährigen Belvedere Wettbewerbs, das nach 2013 zum zweiten Mal in Amsterdam ausgetragen wurde, dachten wir an Anselm Gerhards «Einspruch aus dem Elfenbeintrum» im Juli-Heft und seine Forderung nach expressivem, wenn nötig hässlichem Gesang. Freilich, was unter Donizetti und Verdi als hässlich galt, ginge heute vermutlich als schön (sprich: stimmig) durch. Doch Gerhards Kernforderung steht im vorletzten Absatz: Nur, wer schön singen kann, kann auch schön hässlich singen. Mit anderen Worten: Ohne Technik ist Expression bloß Schummelei.



Doch in diesem Finale schummelte keiner. Alle fünfzehn, die es von über 1300 angetretenen Sängern bis in die Endrunde geschafft hatten, schienen über das nötige technische Rüstzeug zu verfügen. Niemand pushte, niemand brüllte unmotiviert – bei aller Expression –, keiner verwechselte das Podium mit einer Sportarena. Und das Publikum, locker und begeisterungsfähig wie immer in Amsterdam, schien das durchaus zu goutieren. Es vergab seinen Preis an Lise Davidsen, eine jugendlich-dramatische Sopranistin aus Norwegen, die der Hallenarie Elisabeths auch differenziert-zärtliche Töne abzugewinnen vermochte. Der Preis der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Wette mit dem Wettergott

Ob das so eine gute Idee war? Seit die Freiluftbühne der Schlossfestspiele Schwerin direkt aufs Schloss ausgerichtet ist, hat man zwar den Blick auf eine prächtige Architekturkulisse und den weiten See. Doch die Akteure wirken zwergenhaft. Ständig will das Auge über das Turm-und-Zinnen-Gebirge der Schloss-Silhouette schweifen. Und dieser Versuchung erliegt es...

Entdecker und Schrittmacher

Niemals stand der Amerikaner Alan Curtis im Verdacht, der temperamentvollste, unberechenbar genialischste Überflieger der Alten Musik zu sein. Er wirkte besonnen, dienstfertig und defensiv. Führt man sich die enorme Zahl seiner Ersteinspielungen von Barockopern vor Augen, die eine Entstehungszeit von knapp einem halben Jahrhundert umspannen, so steht man betroffen...

Mach's wie Wagner

«Alfred», die erste der elf Opern Dvoráks, ist ein Kuriosum. Überall hört man Wagner-Themen in dem gut zweistündigen Dreiakter aus den Jahren 1869/70. Und zwar meist in Situationen, zu denen sie nicht passen. Die gefangenen Briten werden zum Einzug der Wartburggäste herein- und mit dem hinkenden Beckmesser-Motiv wieder ab­ge­führt. König Harald von Dänemark hält...