Nahaufnahme
Schon der Begriff «Nowosibirsk» gilt im deutschsprachigen Raum als Synonym für das Ende der Welt. Umso erstaunlicher, dass eine Opernproduktion, die in Sibirien aus der Taufe gehoben wurde, bei ihrer Premiere an der koproduzierenden Pariser Bastille-Oper deutlich frischer, unkonventioneller und gegenwartsnäher daherkommt als der mitteleuropäische Mainstream.
Macbeth ist ein moderner Warlord, der aus egal welchem Krieg nach Hause in seine kleinbürgerliche Vorstadt zurückkehrt.
Das Publikum zoomt immer wieder via gigantischer Google Earth-Screen aus der Vogelperspektive auf die Straßen, Plätze und Häuser hinunter, von Regisseur und Ausstatter Dmitri Tcherniakov zum perfekten Voyeur gemacht. Die Kamera fliegt bis hinein ins Macbeth’sche Wohnzimmerfenster, wo die virtuelle Welt – technisch ein Geniestreich – übergangslos in die Bühnenrealität mündet.
Der Horror findet im Kopf des Titelhelden statt. Die Hexen, Bancos gedungene Mörder, die Aufständischen: Es sind immer nur die grauen Bewohner der grauen Vorstadt, zwischen denen die Handlung abrollt. Die wahre Hölle sind die Nachbarn – Sartre meets Lars von Trier und die «Desperate Housewives». Da ist es nur logisch, dass König Duncan als ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Unsitte, Klassik-Stars wie ihre Kollegen aus der Pop-Branche als Sexsymbole zu verkaufen, treibt weiterhin seltsame Blüten. Die EMI glaubte nun, ein anspruchsvolles Programm mit dem verheißungsvollen Titel «Midsummer Night» durch Hochglanzfotos der Interpretin «an den Mann» bringen zu können. Die englische Sopranistin Kate Royal, durchaus mit Model-Qualitäten...
Als sich Benjamin Britten Ende der 1960er Jahre mit der Vertonung von Thomas Manns «Tod in Venedig» zu beschäftigen begann, stellte er sich einer Herausforderung, die er sein ganzes Leben über gescheut hatte. «Ich bin so mutig, das Beste zu machen, was ich jemals geschaffen habe», äußerte sich der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Komponist – ein Mut, der sich...
Krisen nähren Utopien. Nicht wenige träumen wieder von einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft. Der amerikanische Präsident denkt laut über eine atomwaffenfreie Welt nach – Thomas Morus grüßt aus der Ferne. Was macht da ein Regisseur mit der Utopie von Erlösung durch Mitleid, wie sie Richard Wagner in seinem «Parsifal» formuliert hat? Zumal dann, wenn er,...
