Musik als Offenbarung
Spätestens seit Beethovens Ausspruch «Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie» steht der Komponist über dem «Tonsetzer»: Er wird zum Stifter wahrer Kunstreligion, ja zum Demiurgen selbst. Schon Schumanns «Marsch der Davidsbündler gegen die Philister» zielte übers rein Ästhetische hinaus, noch seine freundlicheren «Musikalischen Haus- und Lebensregeln» sind nichts Geringeres als eine Anleitung zum «richtigen» Leben nicht nur in der Kunst.
Wagner verstand sich als Reformator, ja Revolutionär, sah sein «Kunstwerk der Zukunft» als soziales Programm: Oper wie Sinfonie hätten ebenso abgewirtschaftet wie die auf Besitz gegründete Gesellschaft: Altes muss durch Neues, «sein» Neues ersetzt werden. An kleinen Lösungen lag ihm nicht; dass sich die deutsche Rechte seiner bemächtigte, ist so wenig Zufall wie die These, dass Karlheinz Stockhausen ihm in seinem messianischen Drang und Durchsetzungsanspruch ähnele – auch wenn der Kölner Meister stets erklärte, mit dem Bayreuther nichts gemein zu haben.
Doch Stockhausens spätes Hauptwerk, der siebentägige «Licht»-Zyklus, hat die Fantasien einer geistigen Verwandtschaft immer wieder befeuert, oft genug polemisch: Größen-, ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Gerhard R. Koch
Ein persönlicher Text von mir zu Darmstadt und zur Oper hat etwas von der Perspektive eines Scheidungskindes. Ich fühle mich wie ein Zögling beider ästhetischer Sphären, deren Beziehungsstatus gut mit dem Facebook-Begriff «it’s complicated» beschrieben werden könnte. Er ist voller Widersprüche. Deren genauere Betrachtung scheint jedoch interessant nicht bloß im...
Felix Mottl und Gräfin Thun-Salm lernten sich 1901 in Bayreuth kennen. Er war damals ein viel beschäftigter Dirigent der Festspiele und enger Mitarbeiter von Cosima Wagner. Sie stammte aus Böhmen und lebte abwechselnd auf ihren dortigen Besitztümern und in Wien. Es war keine erotische Beziehung, vielmehr eine Art inhaltlich offener Freundschaft, die jedem von...
Vielleicht hat die Arie der Rezeption fast geschadet: Die Auskopplung von «Rachel, quand du Seigneur», die Beförderung zu einem der Opernhits des 19. Jahrhunderts, raubte der Figur des Eléazar im allgemeinen Bewusstsein entscheidende Facetten. Ein Verzweifelter? Ein grundlos Ausgestoßener, der am Rand von Fassung und Leben seinen Gott um letzte Hilfe anfleht? Die...
