Müder Staatsakt
Der Komponist wollte das Stück nicht im Repertoire sehen – «Libuše» sollte besonderen Anlässen, nationalen Feierlichkeiten reserviert bleiben. Zwar haben es Regierungen aller Couleurs auch so gehalten, und das in heroischen Sekundintervallen wabernde Thema der Ouvertüre dient seit 1918 sogar als offizielle Fanfare des tschechoslowakischen, inzwischen bloß noch tschechischen Staatspräsidenten. Den Niederungen des Betriebsalltags entging Smetanas Nationaloper deswegen nicht. In Prag steht sie eigentlich ständig auf dem Spielplan.
Keine einfache Aufgabe, das zum Regelfall gewordene Ausnahmewerk anlässlich des 100. Jahrestags der Republik erneut und seinem Nimbus entsprechend zu inszenieren.
Pilsen hatte schon im Herbst 2017 den Anfang gemacht, es folgten Aufführungen beim Festival in Smetanas Geburtsort Litomyšl und in Pardubice, jetzt kamen Brünn und Prag an die Reihe. Selbst das abtrünnige Bratislava präsentierte in einem Galakonzert den Finalakt der «Libuše», allerdings kombiniert mit Eugen Suchoňs «Svätopluk», der slowakischen Nationaloper.
Die größte Aufmerksamkeit durfte Prags Nationaltheater beanspruchen, hatte doch Smetana die Oper just für diese Lokalität geschrieben. ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Volker Tarnow
Im Grunde genügt ein kurzer Blick ins Autograph, um zu verstehen, warum Franz Liszts unvollendete Oper «Sardanapalo» ihr Dasein lange Zeit nur als musikwissenschaftliche Fußnote fristete. Was der Komponist da in den späten 1840er-Jahren mit hellbrauner Tinte in sein Notizbuch schrieb, ist kaum mehr als ein ausgearbeitetes Fragment: Noten und Text sehen aus wie...
Traurige Rheintöchter. Seit 1864, dem Jahr ihrer Geburt (im Wiener Kärtnertortheater war’s, unter dem leicht irreführenden Titel «Die Rheinnixen») sitzen sie auf ihrem Loreley-Felsen und warten darauf, dass man sie auf Frankreichs Bühnen bittet. Bislang vergebens. Gut möglich, dass jene Kräfte, die ihren Schöpfer Jacques Offenbach nicht als «französischen»...
Alles fängt schon vor dem Anfang an. Ein herrischer Herr mit Leuchtspeer schreitet aus dem Hintergrund, vorne lauert angriffig eine proletenhafte Gestalt. Fast eine Minute starren sie einander aus der Distanz stumm an, diese Verkörperungen von Macht und Ohnmacht, Licht und Finsternis, bevor das tiefe Es beginnt, dieses (hier offenbar als trügerisch entlarvte)...
