Lübeck: Innere Zerrüttung
Da ist schon jemand. Ein junger Mann in schwarzem Wams und weißer Pluderhose. Irre Augen, bleiches Gesicht, das rotgelbe Haar fällt in wirren Strähnen. Wie ein gehetztes Tier kauert er da, bebend vor Angst. Zur Strecke gebracht im staubgrauen Verlies, das Stefan Heinrichs auf die kleine Bühne des Lübecker Theaters gebaut hat. Während die Zuschauer noch nach ihren Plätzen suchen, ist der Infant schon bis über die Halskrause verstrickt in den Wahnsinn, der uns aus Verdis «Don Carlo» anspringt.
Mit einem Galan, der noblen Herzschmerz verströmt, wenn er die große Liebe an den machtbewussten Vater verliert, hat dieser Typ nichts zu tun. Man spürt sofort, bei diesem Carlo steht alles auf dem Spiel – das Glück, die Zukunft, das Leben.
Der koreanische Tenor Yoonki Baek «spielt» die Rolle, als gehe es auch um sein eigenes Leben. Ein fulminanter Sängerdarsteller, der sich verausgabt, sich verschwendet an eine Figur, die am emotionalen Autismus der höfischen Gesellschaft zerbricht, in der sie gefangen ist. Und darüber fast die Stimme verliert. Auf sich zurückgeworfen, in sich verkapselt, zur Einsamkeit verdammt sind sie alle in Sandra Leupolds Lübecker «Don Carlo»-Welt. König Philipp – kein ...
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Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Albrecht Thiemann
Das war knapp. Kurz vor Toresschluss des Wagner-Jahres hat das Staatstheater Nürnberg den Finger gehoben: Ja, auch dort muss ein neuer «Ring des Nibelungen» sein, bis zur Spielzeit 2015/16 wird er geformt. Es ist die dritte bayerische Tetralogie in kurzer Zeit, nach der mäßigen Münchner und der szenisch verunfallten Bayreuther. Und noch immer hallt dabei die...
In Interviews aus jüngster Zeit ließ Philippe Jaroussky durchblicken, sein neues Album sei das letzte, das Werke des Kastratenrepertoires in den Mittelpunkt stellt. Für seinen Abgesang hat er freilich noch einmal ein schlüssig konzipiertes Programm zusammengestellt und zwei große Musiker des 18. Jahrhunderts zusammengeführt: Nicola Porpora und Farinelli – Lehrer...
Er taucht in jeder Geschichte der Oper auf, besonders häufig freilich, wenn es um die des 19. Jahrhunderts geht, noch spezifischer: wenn von Rossini, Bellini, Donizetti und der Entwicklung des frühromantischen italienischen Melodramma, aber eben auch der Buffa die Rede ist. Dann wirft er einen langen Schatten, bleibt aber als dunkle Silhouette im Hintergrund, wird...
