Kulturkampf in der Grauzone
Ist plötzlich die Last von ihm abgefallen? Der innere Druck intensiver Probenwochen? Die Krisen des zweijährigen Ringens um ein Stück, ein Genre, das wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien? Sind sie plötzlich verflogen, die Zweifel, Skrupel, bohrenden Fragen, die so lange im Kopf herumspukten? Wieder und wieder hatte er sie mit «der Bettina» (Bartz) und «dem Luc» (Joosten), seinen Dramaturgen, durchdekliniert.
Aber jetzt ist es, als wäre ein Schalk in den Mann gefahren, der da in einem Seitenfoyer der Genter Oper frisch, fröhlich, frei aus dem Nähkästchen plaudert und die Ruhe weg hat, eine halbe Stunde vor der Premiere.
«Die Bibel», scherzt Peter Konwitschny und nickt neckisch zu einem circa fünf Pfund schweren Buchkoloss hinüber, der sein Lebenswerk dokumentiert. Der Untertitel des Bandes: «Oper als Zentrum der Gegenwart». Ein großes Foto ziert den Schutzumschlag, lachend nimmt uns der große Operndeuter, der altmeisterlich junge Theateraufklärer ins Visier, das Ohr auf Empfang gestellt. In schlanken Lettern ruft es aus ihm heraus: «Mensch, Mensch, Mensch!» Sein brechtianisch, berghausianisch gefiltertes «ecce homo». Sein Appell, sich nie, nie, nie zu beruhigen angesichts der ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann
«Così fan tutte» gilt ja vielen als das schwächste Stück der Mozart/Da-Ponte-Trias. Warum es also nicht mal auf den Kopf stellen, weiterdenken, variieren? Calixto Bieito hat in Basel einen «Abend ... mit Musik von Mozart» serviert. Wer hingeht, weiß, dass er die Katze im Sack gekauft hat – und will die Katze auch.
Der Graben ist abgedeckt, das Portal mit einem...
Zufall oder nicht: Die allermeisten der von mir erlebten «Boris»-Neuinszenierungen der letzten Jahrzehnte stützten sich auf den sogenannten Ur-Boris von 1869 – ohne Polen-Akt und Kromy-Bild, nach des Komponisten späterer Absicht das Finale eines «Volksdramas» mit einem kollektiven Subjekt als Hauptprotagonisten. Mit dieser Version spekulieren die Theater auf ein...
Gerade weil viele Liededitionen immer wieder dieselben Komponisten und Werke vorstellen, weckt die CD des österreichischen Baritons Wolfgang Holzmair mit weitgehend unbekannten, jedenfalls selten gesungenen Vertonungen von Hymnen und Oden Friedrich Gottlieb Klopstocks durch Carl Philipp Emanuel Bach, Gluck und Schubert besonderes Interesse. Weil man dem Unternehmen...
