König Alkohol

Magdeburg, Mozart: Idomeneo

Opernwelt - Logo

Schon mit seiner ersten Opernregie, Glucks «Orpheus und Eurydike» im Januar 2006, gelang dem gebürtigen Magdeburger Andreas Kriegenburg ebendort ein Coup. Er verlegte das Liebesdrama in eine Zwischenwelt aus Mythos und Moderne, zeigte Figuren von heute, die dennoch etwas Überzeitliches hatten und ihr Schicksal gleich mehrfach erleben mussten.
Auch das Personal von Mozarts «Idomeneo» kämpft bei Kriegenburg auf mehreren Ebenen mit sich – und mit den Göttern. Diese bleiben zwar unsichtbar, entfalten ihren (dämonischen) Einfluss jedoch sehr konkret.

Denn fast alle Protagonisten des heute nur schwer vermittelbaren Opferstücks sind dem Alkohol verfallen. Die durch radikale Nichtbeachtung zunehmend verzweifeltere Elettra spricht dabei besonders den hochprozentigen Geistern aus der eleganten Hausbar zu. Die Bar passt gut zum kalten Interieur des großen Salons mit seiner minimalistisch weißen Sitzgarnitur und einem Breitwandfernseher, auf dem ein Schwarz-Weiß-Streifen – atmosphärisch irgendwo zwischen Ingmar Bergman und den Coen Brüdern – vorüberflimmert. Das kühle Mobiliar wirkt wie die Außenseite dieser Figuren: Autistisch herumsitzend oder manisch vor sich flüsternd, gelingen ihnen nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2008
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Jörn Florian Fuchs

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gluck: Orpheus und Eurydike

Alles Theater? Wenn der Chor am Ende vom Triumph Amors singt, tut er das gleichsam in eigener Regie. Die beiden Liebenden sind zu diesem Zeitpunkt von der Bühne ihres vorgestellten Lebens bereits abgetreten. Sie schauen sich das «lieto fine» der theatralischen Handlung (in der leicht gekürzten Wiener Fassung von 1762) aus der Publikumsperspektive an. Das ist der...

Killerspiel

Der «Ring»-Zyklus der Vlaamse Opera geht auf die Zielgerade zu. Und im Verlauf der dritten Etappe, im «Siegfried», ist nun deutlich geworden, dass Wagners Götter- und Menschensaga hier ganz im Bann der ­Cyber-Ära steht. Zur Erinnerung: Das «Rheingold» spielt in ­einer Server-Zentrale, der Schatz selbst ist ein Superchip. Wotan leitet eine Computerfirma, die wie...

Der innere Puls

Die viel beschworene Krise des Wagner-Gesangs ist zu wesent­lichen Teilen eine des Wagner-Dirigierens. Beides hängt ursächlich miteinander zusammen. Seit Wagners Zeit haben sich nahezu alle Parameter des Orches­terklangs verändert – mit der Tendenz, den Stimmen mehr und mehr zuzumuten. Das gilt für Tonhöhe, Tonspannung und Tempi ebenso wie für Besaitung und...