In die Freiheit entlassen

Als Karlheinz Stockhausens «Donnerstag aus ‹Licht›» zum ersten Mal auf die Bühne kam, saß der Meister selbst am Mischpult. Auch sonst suchte er die Kontrolle über sein Werk zu behalten, hatte in der Partitur noch das winzigste szenische Detail festgelegt. Die ganze «Licht»-Mission schien in Stein gemeißelt. Was der Dirigent Titus Engel, die Regisseurin Lydia Steier und ihr Team am Theater Basel mit dem Stück angestellt haben, kommt einer Zäsur gleich: So konkret, so ironisch, so respektvoll kritisch hat noch niemand den spirituellen Trip des Gurus aus Kürten auf die Erde zurückprojiziert.

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Wenn man ein wenig faustisch angefixt ist, wird man in Karlheinz Stockhausens erster «Licht»-Oper, dem «Donnerstag», unschwer die gute alte Goethe-Konstellation wiedererkennen. Es geht um den Gottes- und Menschensohn Michael und um Luzifer, sein Alter Ego und Gegenspieler; dazwischen Eva, «die Frau» – mal Mutter, mal Geliebte, jedenfalls ausgleichendes Element. Man könnte auch an C. G. Jung denken, an ein auf familiäre Archetypik eingedampftes dramatisches Dreieck.

Weit entfernt von Balzac’scher (oder Karl May’scher) Comédie humaine, von Goethes schlauen kosmischen Differenzen sowieso.

«Donnerstag» ist fast noch eine Erzähloper, mit «Michaels Jugend» als erstem Akt: eine deutsche Kindheit (natürlich die Stockhausens) im rheinisch-katholischen Nazimilieu, kleinbürgerlich miefig; im Mittelakt eine fiktiv-spirituelle Weltreise; als Finalakt ein Konglomerat von poppigem Mysterienspiel und einer wunderbar lyrisch ausgeformten, überwiegend leise komponierten mythischen Menschwerdungsgeschichte. Gegen Ende teilt sich hier endlich auch so etwas wie künstlerisch geformte «echte» religiöse Überzeugungskraft mit, eine ausdifferenzierte vokal-instrumentale Suggestion, die den sonst ...

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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Aufführung des Jahres, Seite 24
von Hans-Klaus Jungheinrich

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