Hinter Milchglas
Es sei ein Irrtum zu glauben, die entscheidenden Momente eines Lebens müssten von lauter und greller Dramatik sein, unterspült von heftigen inneren Aufwallungen. In Wahrheit sei die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung von leiserer, retardierender Art, dem Knall, der Stichflamme und dem Vulkanausbruch entgegengesetzt.
Solches formuliert sinngemäß der «Goldschmied der Worte» Amadeu de Prado in Pascal Merciers «Nachtzug nach Lissabon», und es scheint, als hätten Laurent Pelly, Regisseur der Neuproduktion von Donizettis «Lucia di Lammermoor» an der Wiener Staatsoper, und auch Dirigent Evelino Pidò ihrer Titelheldin Olga Peretyatko dies als psychisches Kostüm übergezogen.
Denn diese Lucia zeigt alle Symptome autistischer Erkrankungen, deren Entstehung zunächst ja oft unbemerkt bleibt. Von Anfang an gibt sie sich inwendig verhuscht, verängstigt, mit eckig zuckenden Bewegungen, in einer kalt-nebeligen Winterwelt, wie Chantal Thomas’ Bühnenbild diese zeichenhaft darstellt. Schon seit je scheint das Mädchen sein Leben in die Wolken geworfen zu haben. Lucia träumt sich weg aus der Realität, doch die Träume sind nicht schön, sondern von der Art der Nachtmahre, wie sie uns in den ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Gerhard Persché
Ein Ganzes sollte dieser «Karl V.» werden, geschaffen aus der Sehnsucht, dass alles noch mal ganz und heil werde. Als Ernst Křenek 1929 auf Wunsch des Wiener Staatsoperndirektors Clemens Krauss mit der Konzeption begann, hatte der Nationalsozialismus längst Sympathisanten auch in Österreich. Ein Remedium gegen den Nationalismus sah Křenek in der übernationalen...
Im Orchestergraben lachen die Dämonen. Zur dissonanten Fratze entstellt die Streichermotive im Anapäst-Rhythmus; ein zynisch zischender Klang, gespickt mit jähzornigen Akzenten. Und mitten in die plötzliche Stille stammelt Annabella eine atonale Melodie: «Unser Kind, die Ausgeburt des Teufels.» Wahnsinn!
So faszinierend es Anno Schreier im fünften und letzten Akt...
Herr Lazar, Sie sollen sich bereits im Alter von elf Jahren mit der Gestik und Deklamation im Barocktheater beschäftigt haben. Was um Himmels willen bringt ein Kind dazu, sich für so etwas zu interessieren?
Die Begegnung mit einer Französischlehrerin namens Isabelle Grellet, die ebenso begeistert vom Theater war, wie sie ihre Schüler dafür begeistern konnte. Ich...
